Die Situation als Ganzes verstehen

Für vier Wochen hat die Lichtensteigerin Lena Forrer im Flüchtlingslager in Idomeni humanitäre Hilfe geleistet. Auch zu Hause im Toggenburg beschäftigt sie die Flüchtlingssituation in Griechenland weiter.

Flavia Forrer
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Das Flüchtlingslager in Idomeni. Idomeni ist ein Dorf der Gemeinde Peonia in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien.

Das Flüchtlingslager in Idomeni. Idomeni ist ein Dorf der Gemeinde Peonia in der nordgriechischen Region Zentralmakedonien.

Nach einem halben Jahr auf Reisen hat Lena Forrer spontan entschieden, die letzten Wochen in Griechenland Flüchtlingshilfe zu leisten. Vier Wochen half die 28-Jährige aus Lichtensteig in Idomeni im Flüchtlingslager. Im kleinen Dorf an der mazedonischen Grenze hoffen über 10 000 Flüchtlinge auf eine Weiterreise Richtung Norden.

Vor rund einer Woche ist Lena Forrer ins Toggenburg zurückgekehrt.

Frau Forrer, wie kann man sich einen klassischen Tagesablauf im Flüchtlingslager vorstellen? Lena Forrer: Einen klassischen Tagesablauf gab es nicht. Flexibilität war essenziell, weil sich alle fünf Minuten etwas änderte. Meine Pläne, die ich am Morgen schmiedete, gingen meist nicht auf. Grundsätzlich verteilte ich aber am Morgen Essen mit einer Gruppe von freiwilligen Helfern. Am Nachmittag organisierte ich Dinge für die Flüchtlinge. Das waren einfache Sachen, wie SIM-Karten für ihre Handys besorgen oder einen Brief auf die Post bringen. Im Laufe der Zeit lernte ich die Flüchtlinge besser kennen und sie wurden meine Freunde. Am Abend bauten wir einen Teestand auf, den ich gemeinsam mit einer Freundin organisiert habe. Diesen betreuten wir gemeinsam mit sehr zuverlässigen Flüchtlingen. Meist waren es schon 12-Stunden-Tage.

Idomeni kennt man hier aus den Zeitungen: Bilder von Menschen, die im Dreck leben und sogar Plastik verbrennen, um etwas Wärme zu erhalten. Ist die Lage vor Ort wirklich so prekär, wie sie in den Medien beschrieben wird? Forrer: Ja. Die Grundbedürfnisse sind nicht gedeckt – beim Essen angefangen, bei der medizinischen Versorgung aufgehört. Viele haben kein Geld mehr, um sich selbst zu versorgen. Idomeni ist zudem abgelegen, da gibt es kaum genug Nahrung für die Tausenden von Menschen. Die freiwilligen Helfer verteilten zwar Essen, aber jeweils nur eine Portion pro Person. Für diese Portion mussten sie unter Umständen bis zu mehr als einer Stunde anstehen. Trotz allem haben mich viele Flüchtlinge in ihr Zelt eingeladen, obwohl sie selbst nichts mehr haben. Kleider haben wir auch verteilt, aber ebenso zu wenig. Es hat von allem zu wenig.

Wie haben Sie die Menschen vor Ort erlebt? Forrer: Als wir ankamen, konnte man die Anspannung beinahe mit den Händen fassen. Nach einer Weile war es immer noch sehr emotional, aber ich gewöhnte mich daran. Die Hoffnung, dass die Grenze zu Mazedonien aufgeht, versickerte nicht. Immer wieder gab es Gerüchte, dass die Flüchtlinge die Grenzen passieren können. Was natürlich nicht stimmte. Trotzdem waren die Leute sogleich euphorisch und packten mehrmals ihre Sachen für die Weiterreise zusammen. Wir versuchten ihnen zwar zu erklären, dass es eine Falschmeldung war. Aber die Hoffnung war grösser. Es tat weh, danach die Enttäuschung in den Augen der Menschen zu sehen.

Gab es Aggressionen, wie beispielsweise Schlägereien, im Camp? Forrer: Aggressionen gab es mehrmals. Es treffen über 10 000 Leute aufeinander, ohne eine Instanz, die auf Regeln achtet. Es ist eine ganze Bevölkerung, die flüchtet, da gibt es aggressive und weniger aggressive Leute. Wie überall. Hinzu kommt die Perspektivlosigkeit und die Hoffnungslosigkeit der Menschen. Das war auch für mich schwierig mitanzusehen. Mich hat es aber grundsätzlich erstaunt, wie wenig passiert ist. Die meisten Leute blieben ruhig und respektvoll. Ich erfuhr sehr viel Dankbarkeit und Herzlichkeit.

Haben Sie – wie alle Flüchtlinge – in einem Zelt geschlafen? Forrer: Nein, zuerst lebte ich in einem Hotel und danach mietete ich mit sechs weiteren Helfern eine Wohnung. Ich habe mich bewusst gegen das Übernachten in einem Zelt entschieden, weil die Erholung für mich wichtig war. Anfangs fühlte ich mich schlecht, dass ich in diese warme Wohnung mit einem Bett konnte, während die Flüchtlinge im kalten, nassen Zelt übernachteten. Trotzdem war das für mich wichtig. Ich bin der Meinung, dass ich niemandem helfe, wenn ich krank bin.

Würden Sie anderen freiwilligen Helfern empfehlen, auch nach Idomeni zu gehen? Forrer: Jeder muss sich bewusst sein, dass die Situation vor Ort schwierig ist. Man muss das Elend anderer Menschen ertragen. Das ist nicht einfach. Mir kamen jeden Tag mindestens einmal die Tränen, weil ich so berührt war. Es ist wichtig, dass man seine eigenen psychischen Grenzen spürt und diese nicht überschreitet. Ich finde nicht, dass man gehen muss, um die Situation mit eigenen Augen gesehen zu haben. Aber es hilft, die Situation als Ganzes besser zu verstehen.

Lena Forrer mit einem Flüchtlingsjungen.

Lena Forrer mit einem Flüchtlingsjungen.

Im Camp gab es Menschen, die Haare schnitten. Lena Forrer auf dem «Coiffeur-Stuhl» erhält eine neue Frisur.

Im Camp gab es Menschen, die Haare schnitten. Lena Forrer auf dem «Coiffeur-Stuhl» erhält eine neue Frisur.

Manchmal müssen die Flüchtlinge fürs Essen lange Schlange stehen. (Bilder: pd)

Manchmal müssen die Flüchtlinge fürs Essen lange Schlange stehen. (Bilder: pd)

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