Die «Sitterschranke» teilte das Land

1647–1858 war Appenzell Ausserrhoden in die Länder hinter und vor der Sitter getrennt. Die «Sitterschranke» – auch jene in den Köpfen – prägte die politischen Strukturen. Die Animosität zwischen Vorder- und Hinterland führte zu einem gut 200jährigen Doppelregiment.

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Die Sitter fliesst ab Appenzell in eiszeitlich eingetieften Molasseschluchten und trennt später Ausserrhoden in zwei Teile. Nach dem Sittergletscher-Stadium vor 15 000 Jahren waren die letzten Eismassen im Appenzeller Voralpenland abgeschmolzen und hatten sich ins Innere des Alpsteins zurückgezogen. Daraufhin schuf sich die Sitter ihr heutiges schluchtartiges Tobel. Diese topographische Gegebenheit sollte Jahrtausende danach prägenden Einfluss auf die politischen Strukturen im Halbkanton Appenzell Ausserrhoden nehmen.

Die Trennung von Appenzell Innerrhoden im Jahr 1597 brachte es mit sich, dass sich Ausserrhoden als selbständiges Staatsgebilde neu organisieren musste. Der neue Stand umfasste die sechs Grossrhoden Urnäsch, Herisau, Hundwil, Teufen, Trogen und Gais. Probleme bereitete die Wahl des Hauptortes, so der Ausserrhoder Staatsarchivar Peter Witschi im Historischen Lexikon der Schweiz: «Da keine der Rhoden durch Grösse oder Wirtschaftskraft den Vorrang beanspruchen konnte, rivalisierten mehrere der im Spätmittelalter konstituierten und selbstbewusst agierenden Gemeindeverbände um diese Ehre. Das zentral gelegene Trogen schwang obenaus und erhielt Rathaus, Stock und Galgen zugesprochen.» Stock (Halseisenstock) und Galgen stehen symbolisch für die Hohe Gerichtsbarkeit.

Tiefer Graben im Halbkanton

Dieser Entscheid sollte nachhaltige Folgen haben, wie der einstige Kantonsbibliothekar Walter Schläpfer in seiner «Appenzeller Geschichte» festgehalten hat: «Die drei Rhoden Urnäsch, Herisau und Hundwil hatten es nicht verwinden können, dass sie 1597 bei der Wahl des Hauptortes überstimmt worden waren. Eine Animosität bestand seither zwischen den Rhoden hinter der Sitter und der Rhode Trogen. Die Sitter, welche die beiden Landesteile auf sehr kurzer Strecke trennt, wurde zum Graben, der sich in der ausserrhodischen Geschichte noch unheilvoll auswirken sollte.» Die «Sitterschranke» wurde zur bedeutungsschwangeren Umschreibung für eine zunächst nur geographische Gegebenheit, die auch die Geister und politischen Strukturen beeinflussen sollte. Letztere waren geprägt durch die Aufteilung des Halbkantons in das Hinterland (westlicher Landesteil hinter der Sitter) und das Vorderland (östlicher Landesteil vor der Sitter). – Emanzipationsbestrebungen der Vorderländer Gemeinden gegen das dominante Trogen führten dann 1876 zur Aufteilung des bisherigen Landesteils vor der Sitter in die Bezirke Vorderland und Mittelland, die ebenfalls durch einen tiefen topographischen Graben, jenen der Goldach, getrennt waren.

Der langjährige Ostschweiz-Korrespondent der NZZ, der 1994 von der Ausserrhodischen Kulturstiftung für seine «überdurchschnittliche Leistung» ausgezeichnete Peter Stahlberger, bezeichnete «die lange Rivalität, die zuweilen offene Feindschaft, die allmähliche Versöhnung der Landesteile vor und hinter der Sitter mit den jeweiligen Dominanzorten Trogen beziehungsweise Herisau» einst als «die geschichtsprägendste aller Erfahrungen in diesem wohl kleinen, aber zerklüfteten Kanton».

200 Jahre Doppelregiment

Die seit der Landteilungszeit bestehende Feindseligkeit der Rhoden vor und hinter der Sitter (Vorder- und Hinterland) führte 1647 nämlich zur Schaffung eines bis 1858 bestehenden Doppelregiments. Als zentrale Institution unbestritten war die Landsgemeinde. Doch schon hier fand die Zweigliederung des Landes ihren Niederschlag. Die Landsgemeinde trat bis zu ihrer Abschaffung im Jahre 1997 jährlich abwechselnd in Trogen im Vorder- und in Hundwil im Hinterland zusammen. Die Landsgemeinde wählte zehn «Landesbeamte», und zwar je fünf pro Landesteil: je zwei Landammänner, Statthalter, Seckelmeister, Landshauptmänner und Landsfähnriche. Jede dieser Landesbeamtungen musste also mit einem Vertreter aus beiden Landesteilen besetzt werden. Diese höchsten Amtsträger bildeten kein eigentliches Regierungskollegium, sondern wirkten als «Einzelbeamte».

Einer der beiden Landammänner war während zweier Jahre «regierender», der andere «stillstehender» also stellvertretender Landammann; nach Ablauf dieser Zeit kehrte das Verhältnis. Derselbe Wechsel über die Sitter vollzog sich bei den acht übrigen Landesbeamten. Das Regiment führten der Zweifache Landrat (Neu- und Alt-Räth; 87 bis 100 Personen) als höchste Ratsversammlung, die stets kurz vor der Landsgemeinde tagte, und der Grosse Rat (30 bis 37 Personen) als oberste richterliche Instanz und Exekutivorgan. Der meist in Trogen und Herisau sowie jedes zweite Jahr in Hundwil tagende Grosse Rat, dem von Amtes wegen die Landesbeamten und Gemeindehauptleute angehörten, kam alle paar Wochen zusammen. Daneben gab es von 1621 bis 1877 zwei Kleine Räte. Jener vor der Sitter tagte stets in Trogen, derjenige hinter der Sitter abwechselnd in Herisau, Hundwil und Urnäsch.

Helvetik und Regeneration

Als zwischen 1798 und 1803 im Rahmen der Helvetik die beiden Appenzell im Kanton Säntis aufgingen, spaltete die «Sitterschranke» die beiden Ausserrhoder Landesteile einmal mehr. Im Gegensatz zum Vorderland sprach sich das Hinterland 1798 für die helvetische Verfassung aus. 1802 gewannen aber die Anhänger der alten Ordnung die Oberhand. Die Regenerationsverfassung von 1834 war dann die erste vom Volk angenommene Verfassung des Halbkantons. Zuvor hatte man immer wieder Verfassung und «Landbuch», das heisst die gedruckte Sammlung aller Gesetze, durcheinandergebracht. Die neue Konstitution zeichnete sich durch eine ausgeprägte Modernität in bezug auf Freiheit und Demokratie aus. «Die frühe Industrialisierung und der Protestantismus hatten eine bemerkenswerte Offenheit der Appenzeller für freiheitliches Gedankengut bewirkt. Die faktische Aufhebung der Pressezensur lange vor den anderen Kantonen hatte bewirkt, dass die Appenzeller Zeitung schon vor 1830 zu einem gesamtschweizerisch wichtigen Sprachrohr der Liberalen werden konnte», hält Alfred Kölz in seiner «Neueren Schweizerischen Verfassungsgeschichte» fest. Bei der Behördenorganisation hielt man hingegen an den alten Strukturen fest. «Die Verfassung von 1834 litt vor allem an einer Überladung durch zu viele Behörden, am <Sittergraben>, also an der Aufteilung in Vorder- und Hinterland, an der mangelnden Gewaltenteilung und der fehlenden Religionsfreiheit», so die Analyse von Kölz.

1858 bringt Einheitsstaat

Erst die Verfassung von 1858 machte laut Kölz den bis dahin gespaltenen Halbkanton zu einem Einheitsstaat und zu einem Rechtsstaat. Die obligatorische Doppelbesetzung der wichtigsten Ämter mit je einem Vertreter des Vorder- und Hinterlandes fiel weg: der «Sittergraben» war beseitigt. Die Regierung hiess nun Standeskommission und wurde auf sieben Mitglieder reduziert. Der zweifache Landrat wurde aufgehoben; es bestand nur noch ein von den Gemeinden gewählter Grosser Rat. Die Landsgemeinde wählte ein unabhängiges Obergericht, und die Katholiken erhielten die Kultusfreiheit. Und mit der Bestimmung von Herisau zum ordentlichen Sitzungsort von Regierung und Parlament (Kantonsrat) durch die Revision von 1876 rückte dieses faktisch zum Hauptort und Verwaltungszentrum auf, während Trogen definitiv als Sitz des Obergerichts festgelegt wurde.

Als Mitte der 1980er-Jahre das Ausserrhoder Verwaltungs-, Regierungs- und Kantonsratsgebäude in Herisau eine durchgreifende Erneuerung erfuhr, wurde auch die Restaurierung der Landammännerporträts an die Hand genommen, die im Parlamentssaal eine eindrückliche Ahnengalerie bilden und Zeugnisse von gut 400 Jahren Landesgeschichte sind. In einer von der Kantonskanzlei 1991 zum Abschluss der Erneuerungsarbeiten herausgegebenen Broschüre erinnerte Staatsarchivar Peter Witschi daran, dass sich als Ausdruck der einmaligen «ausserrhodischen Verfassungstradition der Aufgliederung in das Land vor und hinter der Sitter» im Rathaus Trogen eine gleichartige Bildnisreihe befindet.

Die Bilanz, die Walter Schläpfer zur «eigenartigen Doppelregierung» von 1647 bis 1858 zieht, ist nüchtern: «Sie hat zwar die Reibereien zwischen den beiden Landesteilen nicht zu verhindern vermocht, anderseits wurde auf diese Weise vielleicht doch mancher Strauss an Landsgemeinden vermieden. Die Einheit des Landes wurde dadurch freilich nicht gefördert, vielmehr stärkte diese Lösung jenen <Sittergeist>, der bis in neuere Zeiten eine Besonderheit des ausserrhodischen Partikularismus blieb.»

Christian Jossi