Die Seele Andalusiens zu Gast im Appenzellerland: Flamencotänzerin Bettina Castaño Sulzer bietet im Sommer Kurse im Hotel Linde in Heiden an

Wenn in Sevilla die Temperaturen über 40 Grad klettern, zieht es Bettina Castaño Sulzer zurück zu ihren Wurzeln. Seit sie losgezogen ist, um Flamencotänzerin zu werden, begeistert die Appenzellerin während ihres Flamenco-Sommerkurs in der Schweiz Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen deutschsprachigen In- und Ausland.

Ramona Riedener
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Flamenco Kurs im Hotel Heiden mit Bettina Castaño Sulzer.

Flamenco Kurs im Hotel Heiden mit Bettina Castaño Sulzer.

Ralph Ribi

Die rhythmischen Schritte von 20 Beinpaaren werden immer schneller und gipfeln in rasantem Stampfen. Nach einigen Minuten Ruhe wiederholt sich das geräuschvolle Spektakel, begleitet von kraftvollem Händeklatschen im Kontratakt der Tanzschritte. Was für die Angestellten des Hotel Linde in Heiden längst Gewohnheit geworden ist, lässt einige Passanten auf der Strasse erstaunt stehen bleiben. Wenn im Sommer die Appenzellerin Bettina Castaño Sulzer ein Heimspiel gibt, ist im schönen historischen Lindensaal die Seele Andalusiens zu Gast.

Der Flamenco Intensivkurs der berühmtesten Schweizer Flamencotänzerin ist inzwischen im deutschsprachigen Raum weit über die Grenzen hinaus beliebt und bekannt. Wenn das Thermometer in Sevilla im Sommer über 40 Grad klettert – und das ist häufig der Fall –, zieht es die Tänzerin zurück in die Schweiz. Seit 29 Jahren unterrichtet sie hier ihre Schülerinnen und Schüler mit derselben Leidenschaft, mit der sie inzwischen die Weltbühnen erobert hat.

Bettina Sulzer folgte ihrem Herzen, als sie nach der Matura von Teufen in die andalusische Hauptstadt aufbrach. Ebenso weit weg wie ihre Heimat war damals auch der Traum der jungen Frau, Flamencotänzerin zu werden. Sevilla hat nicht auf eine Schweizerin gewartet. In der Hochburg des Flamencos buhlen unzählige junge Talente um die Gunst berühmter Tanzlehrer und versuchen, auf der Bühne des spanischen Nationaltanzes Fuss zu fassen.

Castaño pendelt zwischen Spanien, der Schweiz, Europa, Südamerika und Indien

Während sie Romanistik studierte und in einer WG ohne Telefonanschluss lebte, begleitete sie nachts eine Zigeunergruppe zu den Auftritten in die Flamenco­clubs, die sogenannten Peñas und Ventas. Und so traf Bettina Sulzer eine alte spanische Zigeunerin, die sie kostenlos unterrichtete. Später wurde der berühmte Tänzer und Lehrer Manolo Marín auf die talentierte Schweizerin aufmerksam. Er war es auch, der der gebürtigen Appenzellerin den Namen Castaño gab. Bald nachdem er sie unter seine Fittiche nahm, erhielt die Appenzellerin erste Angebote, in eine Flamencogruppe einzusteigen.

Weil sie als Ausländerin aber keine Arbeitsbewilligung hatte, wurde aus diesem Traum vorerst nichts. Heute ist die Appenzellerin, die mit den Kulturen tanzt, Welttänzerin, Choreografin, Tanzlehrerin, Autorin und Produzentin von über 28 Bühnenprogrammen sowie Leiterin des Flamencoprojekts Schweiz. Mit ihrem Partner und Gitarrist «El Espina» pendelt sie zwischen Spanien, der Schweiz, Europa, Südamerika und Indien. Sie sprengte zudem Grenzen, als sie mit den Alder Buebe zu Bach oder Kirchenmusik und in Indien vor dem Taj Mahal tanzte.

Heute sind es genau diese Kombinationen, die Castaño zu einer der aussergewöhnlichsten und facettenreichsten Flamencotänzerinnen der Welt machen.

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Ralph Ribi

Flamenco als Lebensstil

Leidenschaftliche Gitarren- und Kastagnettenklänge, bunte, schwingende Röcke, klatschende Hände und tanzende Füsse, die Geschichten erzählen und den Boden erbeben lassen: Das ist Flamenco – eine Einheit von Gesang, Tanz und Musik. Flamenco ist aber weit mehr als eine Musikform. Es ist ein Lebensstil, ein Ausdruck von Gefühlen, von wilder, spontaner Lebensfreude, ein Kaleidoskop der Stimmungen von tragisch, herzzerreissend zu leidenschaftlich, heiter und mitreissend.

In der Anmut und Körperbeherrschung, den kraftvollen Rhythmen und freudiger Ausgelassenheit lodern die Urelemente des andalusischen Tanzes. Der spanische Journalist und Schriftsteller Tomás Borrás schrieb über das Lebensideal der Flamencos: «Flamenco sein heisst, einen anderen Körper haben, eine andere Seele, andere Leidenschaften, eine andere Haut. Erfüllt sein von Instinkt und Begehren, sich über seine Tränen freuen. Es heisst Schmerz und Liebe und ein Leben voller Schatten. Und schliesslich heisst Flamenco sein, sich am Gesang, am Wein und am Küssen berauschen.»

Wenn im Lindensaal, in einem der stilvollsten Säle des Appenzellerlandes, die Seele Andalusiens zu Gast ist, widmen sich die Schülerinnen, von Anfängerinnen bis Fortgeschrittene täglich über sechseinhalb Stunden der Kunst des Flamencos. Sie kommen aus allen Ecken der Schweiz, aus Wien, Salzburg, Mainz, Hamburg oder München. Für viele Flamencoschülerinnen ist der Sommerkurs in Heiden seit Jahren ein Highlight. Der Unterricht mit Bettina Castaño ist ebenso facettenreich wie die Tänzerin selber. Er beginnt morgens um neun mit Gymnastik und Yoga und endet irgendwann nachts um halb elf mit Unterricht im Kastagnettenspiel. Dazwischen üben die Schülerinnen an Fuss- und Armtechniken sowie rhythmisches Klatschen.

Die Choreografie erfordert viel Übung, Geduld und Ausdauer

Wenn später die aufwendige Choreografie einstudiert wird, heisst es, all diese Techniken im Takt der Musik in Einklang zu bringen. Auf «El Espina», den Gitarristen, der den Unterricht live begleitet, hören, den Takt mitzählen oder sich einfach dem Gefühl des Rhythmus hingeben?– Hände, Füsse, Körper- und Gesichtsausdruck möglichst anmutig und ausdrucksvoll im Takt der Musik richtig zu bewegen, ist ein Unterfangen, dass viel Übung, Geduld und Ausdauer erfordert.

Eine Hilfe zum Einstudieren des Zapateado ist die Notationsschrift, die von «El Espina» eigens dafür entwickelt wurde und von ihm ständig erweitert wird. «Beim Flamenco wird der Körper zum Instrument. Wie bei jedem Musikinstrument muss zuerst geübt werden. Denn ohne Tonleitern kann keine Arie gespielt werden», ermuntern Bettina Castaño und «El Espina» ihre Schülerinnen, wenn nicht alles gleich klappt.

Bettina Castaño hat oft nur eine kleine Verschnaufpause zwischen einem Tanzkurs in Sevilla und dem Abflug zu ihrer Familie in Teufen, nicht so dieses Jahr. In Spanien, einem Land, das stärker von Covid-19 betroffen war als beispielsweise die Schweiz, herrschte wochenlang Ausgangssperre. In der andalusischen Grossstadt, wo sonst das pulsierende Leben herrscht und fast ununterbrochen gefeiert, getanzt und gelacht wird, waren die Strassen menschenleer. Auch Bettina Castaño war gefangen in ihrer kleinen Wohnung. Sämtliche Tanzkurse und Auftritte fielen aus. Lange Zeit stand in den Sternen, ob der Kurs in Heiden stattfinden konnte.

Kurse via Internet

Aus der Not machte die Tanzlehrerin das Beste: Sie unterrichtete ihre Schülerinnen und Schüler wochenlang online. Wie viele Kunstschaffende erwirtschaftete sie dadurch jedoch nur einen Bruchteil ihres sonstigen Einkommens. Gross war die Freude und Erleichterung, als es das Okay für die Durchführung der Sommerkurse in Heiden gab. In den Hotelräumlichkeiten konnten die Sicherheitsmassnahmen und Abstandsregeln gut eingehalten werden. Begeisterte Schülerinnen erwarteten dort die Frau, die dem Flamenco im deutschsprachigen Raum ein Gesicht gegeben hat. Mit derselben Leidenschaft, mit der sie zur Welttänzerin geworden ist, gibt Bettina Castaño an diversen Orten, auch in St.Gallen Kurse und Workshops und seit dem Lockdown auch online.