Die Schweiz im Kürbiswahn

Herbstzeit ist Kürbiszeit. Ich persönlich mag diese harten Kerle, die sich durch liebevolle Zubereitung in der Pfanne oder im Backofen zu wahren Delikatessen entwickeln können. Doch diese Vorliebe wurde mir nicht in die Wiege gelegt.

Karin Erni
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Bild: Karin Erni

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Herbstzeit ist Kürbiszeit. Ich persönlich mag diese harten Kerle, die sich durch liebevolle Zubereitung in der Pfanne oder im Backofen zu wahren Delikatessen entwickeln können. Doch diese Vorliebe wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Bis ins frühe Erwachsenenalter kannte ich den Kürbis als Speise gar nicht. Meine Grossmutter sprach noch despektierlich von «Kürbsen». Sie waren in ihren Augen ein wenig nobles Gewächs, dem man bestenfalls auf dem Misthaufen etwas Platz zum Wachsen gewährte und das man anschliessend den Schweinen verfütterte. Mit der «Soupe de potiron à la crème», einer Kürbissuppe in einem ganzen Kürbis im Ofen gegart, führte Paul Bocuse, der berühmte Koch aus Lyon, 1977 die Frucht in die Haute Cuisine ein. Ein Kochbuch dieses Meisters erhielt ich einige Jahre später geschenkt und wollte das in meinen Augen höchst exotische Gericht subito nachkochen. Doch einen passenden Kürbis für das Unterfangen aufzutreiben war damals ein rechtes Kunststück. Im Gegensatz zu heute, wo das Gemüse an jeder Ecke und in gefühlten 1000 Sorten angeboten wird. Mit dem Aufkommen von Halloween boomten die Kürbisspeisen. Mittlerweile hat der Kult um den Kürbis inflationäre Ausmasse angenommen. Gerichte wie Kürbiskuchen, Kürbiscurry, Kürbisstrudel, Kürbisrisotto, Kürbisgnocchi oder Kürbischutney füllen die Rezeptspalten der einschlägigen Magazine. Kaum ein Restaurant, das kein Kürbisgericht anbietet und die Kürbissuppe ist mittlerweile auch als dröge Päcklisuppe erhältlich. Mich erinnert das Ganze an den Tulpenwahn, der im 17. Jahrhundert in Holland grassierte. Im Lauf einiger Monate hatten sich die Preise vervielfacht, zu denen die Tulpen in den Wirtshäusern gehandelt wurden. Für seltene Tulpenzwiebeln wurden damals 10 000 Gulden geboten – so viel wie für ein Haus. Im Februar 1637 fielen die Kurse binnen weniger Tage ins Nichts. Viele Menschen waren auf einen Schlag ruiniert. Bleibt zu hoffen, dass den armen Kürbissen dieses Schicksal erspart bleibt und sie nicht plötzlich wieder von der Delikatesse zum Schweinefutter degradiert werden.