Die Scheibe im Visier

Brosmete

Andy Lehmann
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Sie lauern hinter jeder Ecke, jedem Baum, und wenn sie sich ­bewegen, tun sie dies möglichst unauffällig. Gemeint sind jene Damen, die im Namen der Volkswirtschaft so Nettigkeiten unter die Scheibenwischer wildfremder Autos klemmen.

Kürzlich wollte ich in einem ländlichen Tankstellenshop etwas einkaufen. Ich parkierte mein Auto auf einem blauumrandeten Parkfeld, wohlwissend, dass hier eine Parkkarte hinter die Autoscheibe gelegt werden muss. Meine linke Hand fuhr automatisch in das Fach der Türinnenseite, um die blaue Parkscheibe rauszunehmen. Diese wollte ich dann der Zeit entsprechend gut sichtbar platzieren. Leider Fehlanzeige, im Fach befand sich lediglich eine Musik-CD ohne Hülle und sonst nichts. Ich durchsuchte mein Auto. Keine Scheibe mehr da. «Wo hab ich die wohl hingelegt, oder ist sie rausgefallen?», fragte ich mich. Nach kurzem Suchen begab ich mich in den Shop, schnappte mir eine solche Parkscheibe aus dem Regal und wollte sogleich an der Kasse zahlen. Der freundliche Verkäufer an der Kasse – wir kennen uns aus unbeschwerten Pfaditagen – sagte: «Warte einen Moment.» Dann verschwand er kurz in den hinteren Bereich des Shops. Schon leicht nervös, von einem Fuss auf den anderen steigend, immer ­ mit unauffälligem Blick nach draussen, wartete ich. Es dauerte kaum eine Minute, und er drückte mir eine blaue Parkscheibe in die Hand mit den Worten: «Die schenk ich dir.» Freudig und dankend nahm ich das kleine, für mich so wichtige Geschenk an und lief schnellen Schrittes nach draussen. Bei meinem Auto angelangt, die nüchterne Erkenntnis: Die «nette» Dame wartete wohl hinter einem Baum und wollte mir unbedingt eine schriftliche Mitteilung für 40 Stutz unter den Scheibenwischer klemmen. Danke.

Andy Lehmann