Die Sammler und Jäger

Einkaufsläden sind ein schier unerschöpfliches Reservoir für Geschichten. Hier treffen besonders viele Individuen des Homo consumensis auf relativ engem Raum zusammen und deren Verhalten lässt sich hier besonders gut beobachten.

Karin Erni
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Bild: Martina Basista

Bild: Martina Basista

Einkaufsläden sind ein schier unerschöpfliches Reservoir für Geschichten. Hier treffen besonders viele Individuen des Homo consumensis auf relativ engem Raum zusammen und deren Verhalten lässt sich hier besonders gut beobachten. Dabei ist mir aufgefallen, dass es zwei Arten dieser Spezies gibt: den Typus Jäger und den Typus Sammler. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen durch den Einsatz des Self-Scanning-Systems. Dieses wird vorwiegend durch den Jäger genutzt. Er schiesst mit seiner Laserwaffe zielgenau die Schweinshaxe ab und lässt die Beute in die mitgebrachte Tasche plumpsen. Anschliessend spaziert er damit triumphierend durch den Bezahlterminal, wo er nur noch schnell den Code eingeben muss – und weg ist er in Richtung heimischer Höhle. Die Exemplare des Typus Sammler dagegen konzentrieren sich am Schluss des Einkaufs in Form einer Schlange vor der Kasse. Dort beigen sie ihr Sammelgut mühsam vom Wägeli auf das Rollband, wo die Kassiererin jedes einzelne Teil mindestens ein-, lieber aber zwei- oder dreimal, über den Scanner zieht, bis ein Piepston die Registrierung quittiert. Danach sammeln die fleissigen Sammler die nach unten gekullerten Kohlköpfe zum zweiten Mal auf und stecken sie in ihre Einkaufstaschen. Beim Zahlen gibt es dann den obligaten Sermon zu hören. «Sammeln Sie Märkli? Haben Sie die Karte und einen doppelten Punkte-Bon dabei?» Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der Vorder- und Hintermänner in der Warteschlange lässt auch ein Blick auf deren Einkäufe zu. Mein Hintermann zum Beispiel legt gerade – ohne mit der Wimper zu zucken – zwei Kilo-Laibe Brot und drei Packungen Präservative mit Erdbeeraroma auf das Band. Die Vorstellung von abendlichen «Brot und Spielen» regt meine Phantasie zugegebenermassen an. Doch nun bin ich an der Reihe mit Bezahlen. «Sammlet Sie Manne?», fragt die Verkäuferin mit freundlichem Lächeln. «Wie bitte?», frage ich leicht errötet und fühle mich ertappt. «F-a-r-m-m-a-n-i-a» wiederholt sie geduldig und streckt mir zum besseren Verständnis ein Säckli mit Sammelfiguren aus Plastik unter die Nase.