Die Sache mit dem Eierstellen

Angefangen hatte die Geschichte im Frühling zur Zeit der Tagundnachtgleiche. Meine jüngste Schwester behauptete damals, es sei möglich, am 21. März und am 23.

Christian Jossi
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Bild: Christian Jossi

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Angefangen hatte die Geschichte im Frühling zur Zeit der Tagundnachtgleiche. Meine jüngste Schwester behauptete damals, es sei möglich, am 21. März und am 23. September ein rohes Ei auf der Spitze – genauer: auf dem stumpfen Ende, also dem Gupf – zum Stehen zu bringen, und belegte dies gleich durch den Tatbeweis. Sie tat das, ohne die Schale zu beschädigen, im Unterschied zu Christoph Kolumbus, der 1493 ein gekochtes Ei mit der Spitze auf den Tisch schlug, so dass die Schale leicht eindrückte und das Ei stehenblieb. Das Ei des Kolumbus ist seither eine Redensart, die eine verblüffend einfache Lösung für ein unlösbar scheinendes Problem beschreibt. Meine Schwester verfügt offenbar über Fähigkeiten, die jene des Kolumbus übertreffen.

Eine Arbeitskollegin, der ich davon erzählt hatte, erinnerte mich ein halbes Jahr später daran: Ihr war das Kunststück nun – am 23. September – nicht gelungen. Noch am selben Abend eilte ich in den Quartierladen, nahm eine Schachtel Eier aus dem Regal, öffnete sie und stellte ein Ei vor den erstaunten Augen der Umstehenden auf die Ladentheke. Beschwingt durch diesen Erfolg, nahm ich die Eier tags darauf mit ins Büro. Doch hier Fehlanzeige: Niemandem gelingt es. Am Abend dieselbe Übung auf dem Stubentisch der Eltern: Die Eier stehen. Tage später stellt meine mittlere Schwester ein Ei am Abend auf den Tisch: Vor dem Morgenessen steht es noch. Recherchen im Internet ergeben: Neben jenen, die an besondere Kräfte glauben, die bei Tagundnachtgleiche auf die Eier wirken, gibt es zwei Lager von Skeptikern. Zum einen die Ungeschickten, bei denen die Eier einfach nicht stehen wollen. Und zum anderen die Kritischen, die feststellen, dass Eier an jedem beliebigen Tag im Jahr dazu gebracht werden können, auf der Spitze zu stehen.

Handelt es sich beim Zusammenhang zwischen Äquinoktien und dem temporären Eierstellen also um eine klassische Urban Legend, eine moderne Grossstadtlegende? Jedenfalls ist die Sache «cum grano salis» (mit einem Körnchen Salz) zu verstehen. Mit dieser Redewendung wird darauf hingewiesen, dass einer Aussage nur mit Vorbehalten oder mit einem Augenzwinkern geglaubt werden sollte. Wenn die Sache mit dem Eierstellen übrigens partout nicht gelingen will: Eine Prise Salz auf der Unterlage hilft.

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