Die Republik ist heute abgeschafft

Speerspitz

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Die Schweiz ist eine Republik. Sie ist so fest republikanisch, dass es nicht mal eine politische Partei braucht, die das Wort im Namen führt. Logisch ist da, dass der Bundespräsident und die Regierungspräsidenten der meisten Kantone nur ein Jahr geduldet sind. Nach zwölf Monaten endet die Herrlichkeit – das gilt auch für Frauen –, ein neuer kommt, und der bisherige muss warten, bis er wieder an die Reihe kommt.

Nur wenige Inseln monarchischer Gesinnung haben überlebt. An Kiosken sind People-Zeitschriften erhältlich. Sie verkaufen sich dank Geschichten über Adelige und die wenigen verbliebenen Monarchen. Die Schwinger küren alle drei Jahre einen König – recht häufig einen Toggenburger –, der im Gegensatz zu anderen Ländern weder abgesetzt noch geköpft wird. Die Jasser tun’s ihnen im Fernsehen gleich. Die Jasskönige kommen sehr viel häufiger und mit viel weniger körperlicher Anstrengung als die Schwinger zu ihren Titeln. Dafür sind sie rasch vergessen.

Doch einmal im Jahr wird jedes Dorf zur Monarchie, bei der Viehschau. Die Siegerinnen heissen zwar republikanisch bescheiden Miss, aber sie regieren wie Königinnen. Wenn Kühe und Rinder auf dem Weg zum Schauplatz sind und die ganze Breite der Strasse beanspruchen, warten die Autos wie bei Staatsbesuchen menschlicher Monarchen, oder sie fahren im Schritttempo hinterher, sogar Postautos, die so den Fahrplan nicht einhalten. Und anders als menschliche Staatsgäste erleichtern sich vierbeinige Missen auf die Strasse. Übrigens: Unter allen Missen im Kanton sollte man eine «Miss St. Gallen» küren und aus den kantonalen Missen die «Miss Schweiz». Die Monarchie lebt.

Martin Knoepfel

martin.knoepfel@toggenburgmedien.ch

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