Die Postkarte vorgehalten

Anina Rütsche
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Eine Postkarte bekommt man nicht alle Tage. Wenn sie zudem anonym verschickt wurde, bekommt das Ganze sogar Seltenheitswert. Möglich gemacht hat mir dieses Erlebnis die Aktion «40 Tage ohne», die sich an fastende Menschen zwischen 18 und 35 richtet. Trägerschaft ist das Netzwerk Junge Erwachsene der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen sowie die Fachstelle Kirchliche Jugendarbeit des Bistums St. Gallen.

Im Februar habe ich mich bei «40 Tage ohne» angemeldet, weil mir der Gedanke gefiel, während der Fastenzeit auch ausserhalb der Redaktion auf Verbündete zählen zu können. Es begann am Aschermittwoch mit einem motivierenden Brief. Die Grundlage für einen erfreulichen Start ins Fasten war gelegt. Im März, zur Halbzeit, folgte die nächste Nachricht von «40 Tage ohne», und die hatte es in sich. Der Sendung lag nämlich eine leere Postkarte bei, dies mit der Aufforderung, einer Mitstreiterin oder einem Mitstreiter von den eigenen Erfahrungen zu berichten. Natürlich machte ich mit, und ich schrieb von meinem «Gluscht» auf Energy Drinks und den zahlreichen Situationen, in denen das Fasten Anlass zu Gesprächen gegeben hatte. Meinen Namen gab ich nicht an. Dann schickte ich die Karte an «40 Tage ohne» zurück. Wer sie bekommen hat, werde ich nie erfahren.

Wenig später fischte ich eine handgeschriebene Nachricht aus meinem Briefkasten. Keine Ahnung, von wem sie stammt, doch sie hätte von mir sein können: Jemand verzichtet auf Süsses und empfindet dies vor allem in Gesellschaft als Herausforderung. Mut gemacht hat mir besonders der letzte Satz: «Schön ist es, teilweise sogar Bewunderung zu empfangen, wenn man sagt, man verzichte in der Fastenzeit auf etwas.» Anerkennung, weil bewusst etwas weggelassen wird? Klingt fast zu bequem, um wahr zu sein, ist aber so. Allerdings bemerkte ich es erst, als ich mir anstelle des alltäglichen Spiegels eine Postkarte vors Gesicht hielt.

Anina Rütsche

anina.ruetsche@toggenburgmedien.ch

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