«Die Polizei war oft hier»: Zwischen Landlust und Asylfrust – ein Besuch in Wienacht-Tobel

«Die Polizei war oft hier»:
Zwischen Landlust und Asylfrust – ein Besuch in Wienacht-Tobel

Michel Canonica

Das Ausserrhoder Dorf Wienacht-Tobel bewegt: mit der schönen Aussicht und wegen des Disputs um das Asylzentrum Landegg.

Janine Bollhalder
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Wienacht-Tobel. Hier gibt es weder Migros, Coop oder Volg, kein Hotel und kaum Anschluss ans öffentliche Verkehrsnetz. Nur einmal stündlich kämpft sich die Rorschach-Heiden-Bergbahn (RHB) vom Bodensee hoch nach Wienacht, Ortsteil der Gemeinde Lutzenberg im Appenzeller Vorderland. Für jene, die sich den ICE oder die S-Bahn gewohnt sind, ist die Fahrt in diesem roten Waggon ein Erlebnis.

Pfeifend und röchelnd kommt das Wägelchen zum Stehen, mit Kraft lässt sich die Tür öffnen. Und da steht er: Werner Meier. Ehemaliger Unternehmensberater, neun Jahre Chefredaktor des Satiremagazins Nebelspalter und noch bis Ende Mai Gemeindepräsident von Lutzenberg – und das schon zum zweiten Mal. Heute aber führt er durch das liebliche kleine Dorf, dass aufgrund des Asylzentrums Landegg in den Medien seinen Platz gefunden hat.

Gesucht: das ruhige Nichts in Wienacht-Tobel

Werner Meier lebt seit 40 Jahren in Wienacht-Tobel. Dem Teil der Gemeinde Lutzenberg mit rund 300 Einwohnern. Meier könnte dem Strassenverlauf zu seinem Haus wohl blind folgen. Stückweise sind unterwegs noch Spuren der Geschichte des Dorfs zu sehen: Etwa die Überreste des Sandsteinabbaus, einst einem wichtigen Berufszweig. «Das Gebiet wird nun renaturiert, eine kleine Oase für Tiere», sagt Meier. Was er an «seinem» Dorf besonders schätze, sei die Aussicht, und:

«Wir haben hier keine Industrie, es ist familiär, man kennt sich.»

Wie er nach Wienacht gekommen sei? «Eine lange Geschichte», sagt Meier.

Markus Will

Markus Will

Christof Sonderegger

Auch Autor, Hochschuldozent und Unternehmensberater Markus Will hat nach einer langen Suche vor 22 Jahren in Wienacht sein Glück gefunden. Eigentlich durch Zufall: «Meine Familie und ich haben uns nach einem Haus mit grossem Garten in einer schönen Landschaft umgesehen – maximal 30 Minuten von St. Gallen, meinem damaligen Arbeitsplatz, entfernt», sagt Will. Unzählige Häuser hätten er und seine Frau sich angesehen, «aber immer stimmte irgendetwas nicht.» Jedenfalls bis sie dieses eine Haus in Wienacht begutachteten.

«Wir haben uns innert 30 Sekunden verliebt.»
Roger Etter

Roger Etter

Joerg Rudolph Photography

Schon ein Jahrzehnt lebt auch Roger Etter in Wienacht. Seit fünf Jahren führt er hier seine Fahrschule. Für die Abgeschiedenheit des Dorfs hat er sich ganz bewusst entschieden:

«Wenn ich den ganzen Tag im Verkehr unterwegs bin, freue ich mich, abends in Ruhe abschalten zu können.»

Und er habe viele Tiere, die Platz benötigen. Dazu gehören etwa 13 Katzen und zwei Hängebauchschweine. Etter kennt die jungen Bewohner Wienachts inzwischen: «Sie sind unkompliziert, locker und naturbewusst. Aber ich spüre definitiv einen Unterschied zu den Jungen aus der Stadt», sagt Etter.

«Auf ein Auto ist man hier angewiesen»

Bestätigt Werner Meier. Auch er erinnert sich noch gut an jenen Tag, als er sein neues Heim in Wienacht zum ersten Mal begutachtete. Ursprünglich hätte aber seine Schwester hier landen sollen, doch sie habe andere Pläne gehabt: heiraten und ins zürcherische Rüti ziehen. Das Haus, welches ihr zur Miete angeboten wurde, bewohnte dann also Werner Meier.

«Als ich mich das erste Mal mit dem Hausbesitzer getroffen habe, im Dezember 1971, herrschte grässliches Wetter. Bis hier oben in Wienacht – heiterer Sonnenschein.»

Das habe ihn überzeugt. Erst habe er nur wochenendweise hier gelebt. Meier arbeitete dazumal noch in Wattwil. Später, nachdem er seine Frau Betty kennen gelernt hatte, kaufte er das Haus, in welchem er noch heute wohnt.

Lutzenberger Gemeindepräsident: Werner Meier im Dachgeschoss seines Hauses.

Lutzenberger Gemeindepräsident: Werner Meier im Dachgeschoss seines Hauses.

Janine Bollhalder

Damals war es allerdings noch ein Restaurant, das zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Wohnhaus umgebaut werden sollte. Doch dann, bei den Bauarbeiten im März 1982, «ich glaube, es war ein Dienstagmittag», fiel das Haus einem Brand zum Opfer. 80 Feuerwehrleute seien im Einsatz gewesen. Ob es Brandstiftung war? «Das weiss bis heute niemand so genau», sagt Meier.

Einen Tag später, beim Kaffee am Morgen, «wir haben noch immer schwer um unser Haus getrauert», sei ihm die rettende Idee gekommen. «Ein Freund von uns, aus dem St.Gallischen Grub, war Architekt.» Von da an ging es schnell: Die Vorschläge des befreundeten Architekten für einen Neubau haben sofort gepasst. Der Gemeindepräsident sagt:

«Es war Glück im Unglück.»

Er liebt an diesem neu gebauten Haus jeden Winkel: Sein Büro, in welchem es sich der weisse Kater Pablo vor dem Bildschirm bequem gemacht hat; die Treppe ins Dachgeschoss hinauf, welche mit Bildern aus Meiers Zeit beim Nebelspalter gesäumt ist und besonders den Sitzplatz, draussen im obersten Stock, welcher bei schönem Wetter einen Blick über fast den ganzen Bodensee bis nach Deutschland gewährt. Sein Adlerhorst, das ist Werner Meiers Lieblingsplatz in Wienacht.

An diesem stürmischen Vormittag im Februar jedoch bietet sich dem Betrachter kein weitreichender, idyllischer Blick über den Bodensee. Der Wind rüttelt an den Wänden von Werner Meiers Haus, auf dem dunkelblauen Wasser schäumen die Wellen, die Häuser am deutschen Ufer sind durch den dichten Nebel höchstens zu erahnen.

Das Asylzentrum Landegg aus der Vogelperspektive

Das Asylzentrum Landegg aus der Vogelperspektive

Michel Canonica

Auch das Leben in Wienacht zeigt sich nicht immer von seiner schönsten Seite: Werner Meiers Gesichtsausdruck verdüstert sich, als er auf die Landegg zu sprechen kommt. «Die Bewohner des Asylzentrums haben sich schlimme Sachen geleistet. Die Polizei war oft hier.»

Konfliktpotenzial: Asylzentren

Asylbedürftige Personen gibt es seit geraumer Zeit in Wienacht. Vor der Landegg gab es das Haus Alpenblick – direkt neben dem Haus von Gemeindepräsident Werner Meier gelegen. Einst war dies ein Ausflugsrestaurant. Nach diversen Besitzerwechseln sollte es ein Altersheim werden. Das jedoch funktionierte nicht und statt Pensionäre lebten fortan Asylbewerber im Alpenblick. «Eine unerfreuliche und nicht ungefährliche Situation entwickelte sich», erinnert sich Meier.

Die Lage spitzte sich zu, als zusätzlich zum Alpenblick die Landegg Asylbewerber aufnehmen sollte. Die Lutzenberger wehrten sich gegen ein zweites Asylzentrum und ein Kompromiss wurde gefunden: Der Alpenblick wurde in die Landegg integriert. Gemeindepräsident Werner Meier sagt:

«Damit war das Problem nicht gelöst, nur verlagert.»
Das Asylzentrum Landegg: links auf Appenzeller-, rechts auf St.Galler-Seite.

Das Asylzentrum Landegg: links auf Appenzeller-, rechts auf St.Galler-Seite.

Ralph Ribi

Die Landegg liegt nur wenig ausserhalb von Wienacht-Tobel und hat eine Besonderheit: das Asylzentrum ist zweigeteilt. Auf der einen Seite steht ein einzelnes Haus mit Treppen auf der Aussenseite. Es befindet sich auf Appenzeller Boden, zur Gemeinde Lutzenberg gehörend. Ennet der Strasse steht ein niedriger, länglicher Gebäudekomplex. Dieser befindet sich auf St.Galler Boden, zur Gemeinde Eggersriet gehörend.

Zu seinem Zweck als Asylzentrum ist die Landegg gekommen, nachdem das Vorhaben der Internationalen Bahâ`i-Stiftung – eine Universität zu eröffnen – scheiterte. Die UBS, respektive eine Immobilien-Gesellschaf, übernahm die Gebäude zu beiden Seiten der Strasse. Für die Weiterführung der interkantonalen Zusammenarbeit betreffend der Unterbringung der Asylsuchenden in den Gebäuden der Landegg wurde eine vertragliche Vereinbarung zwischen den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen getroffen, inklusive einer Betriebsfrist bis Ende März 2021.

Das würde bedeuten, dass es nach zwölf Jahren kein Durchgangszentrum in Lutzenburg mehr gäbe und eine Weiterführung des Asylzentrums Landegg ohne Zustimmung der Ausserrhoder Gemeinde nicht möglich wäre.

Doch genau dieser Vertrag soll nun auf eine andere Art und Weise verlängert werden: In der Landegg sollen ab Juli 2021 die minderjährigen Flüchtlinge und Asylsuchenden des ehemaligen Gymnasiums Marienburg in Thal leben. Zumindest in den Gebäuden, die auf St.Galler Boden stehen.

Das Asylzentrum Landegg sorgt für düstere Stimmung

Das Asylzentrum Landegg sorgt für düstere Stimmung

Janine Bollhalder

Gegen diese unerwünschte Verlängerung des Vertrags setzen sich die Gemeinderatsmitglieder Lutzenbergs zur Wehr, denn dies sei nicht vereinbart gewesen. Eine stürmische Zeit für das kleine Dorf, das so ruhig und idyllisch anmutet. Aber an diesem Vormittag im Februar türmen sich dunkle Wolken über dem Bodensee.

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