Die Offenbarung

Peter Sandmeier stand da wie versteinert. Nach all den vielen Jahren Ehe überraschte ihn seine Frau immer wieder aufs neue.

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Peter Sandmeier stand da wie versteinert. Nach all den vielen Jahren Ehe überraschte ihn seine Frau immer wieder aufs neue. Wie konnte sie ob seiner Offenbarung nur dermassen gelassen reagieren? Wie konnte sie jetzt nur ans Küssen denken? Wie in Trance prostete er ihr ebenfalls zu und gab ihr – wie sie ihn aufgefordert hatte – einen kurzen Kuss. Was hatte er doch für eine tolle Frau! Sie war wirklich bereit mit ihm – wie sagte sie es doch so treffend: die Leichen im Keller – aufzuarbeiten. Doch er war sich im klaren darüber, dass dies ein grosses Stück Arbeit sein würde.

«Ich verstehe, dass du wütend bist», sagte Peter Sandmeier. Und er sprach die eine Nacht mit Ursula an. «Glaube mir bitte, dass es nur dieses eine Mal war. Es tut mir unendlich leid. Bitte entschuldige, mein Schatz.» Als er dies sagte, spürte er, wie sehr er doch Anna liebte. Diese trank einen Schluck Wein, schaute Peter an und sagte leise: «Ich vermutete schon länger, dass da etwas sein musste. Ich sah einmal ein Mail, dass dir Ursula geschrieben hatte. In ihren Sätzen war so eine Vertrautheit, die mich stutzig machte». «Aber… aber, weshalb hast Du nie etwas gesagt», stammelte Peter. «Ich wollte es nicht wahrhaben und verdrängte es», sagte Anna leise. Beide schwiegen.

Peter Sandmeier unterbrach die Stille: «Und jetzt, wie geht es weiter mit uns?» «Ich weiss es nicht», sagte Anna. «Was ich aber weiss, ist, dass wir in allen Belangen einen reinen Tisch machen müssen. Sonst ist unsere gemeinsame Zukunft in Gefahr», meinte Anna entschlossen. Sie schaute auf das Familienfoto auf dem Buffet. Wie glücklich doch alle fünf dreinschauten. Um dieses Glück wollte sie kämpfen. Sie wollte gleich damit anfangen: «Was steckt nun wirklich hinter dem Hauskauf?», fragte sie ihren Mann. Dieser wusste, dass er nun nicht mehr ausweichen konnte. Vor allem aber wusste er, dass er nun nur noch mit der Wahrheit weiterkam. Und er spürte, wie gut es ihm tat, nun endlich offen über all das, was ihn belastete, zu sprechen. «Weisst Du, als ich das Inserat für den Verkauf des Hauses in Sonnenhalb sah, sprang es mich regelrecht an.» Nun sprudelte es aus Peter heraus: «Es war ganz merkwürdig. Als ich das Haus betrat, hatte ich ein ganz komisches Gefühl. Es ist schwierig zu erklären. Ich hatte das sogenannte Déjà-vu-Erlebnis: Ich hatte das Gefühl, dass ich schon einmal in diesem Haus war.» Anne hörte Peter gespannt zu. Dann platzte sie heraus: «Und was ist mit dem Paket, das Du immer wieder vor mir zu verstecken versuchst?»

Vreni Peterer

Die Appenzeller Zeitung lässt Autoren aus dem Appenzellerland eine Fortsetzungsgeschichte zu Weihnachten schreiben. Die Autoren fügen jeweils ein Kapitel an und reichen den Text weiter.