Die Nachbarn fusionieren nicht

Degersheim und Flawil werden nicht fusionieren. Die beiden Gemeinderäte kamen zum Schluss, dass die harten und weichen Faktoren derzeit nicht für eine Fusion sprechen. Die Zusammenarbeit der Gemeinden soll aber intensiviert werden.

Ramona Cavelti
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FLAWIL. Gemeinsam wären sie die fünftgrösste Gemeinde im Kanton St. Gallen, mit rund 14 000 Einwohnern. Doch daraus wird vorerst nichts. Denn Degersheim und Flawil werden nicht fusionieren. Beide Gemeinderäte sind zum Schluss gekommen, dass die harten und weichen Faktoren zurzeit nicht für eine Fusion sprechen. Dies schreibt die Ratskanzlei Flawil in einer Medienmitteilung.

Grossvereinigung mit Gossau

Auf Initiative der Gemeinde Degersheim haben im Herbst 2013 die Räte der Gemeinden Degersheim, Flawil und Gossau die Machbarkeit einer Gemeindevereinigung geprüft. Die Studie kam zum Schluss, dass eine Grossvereinigung Zukunftschancen hat, sich aber nicht aufdrängt. Daraufhin haben die Gemeinden Degersheim und Flawil beschlossen, das Vereinigungsprojekt weiterzuführen und eine weitere Machbarkeitsstudie zu erarbeiten. Die Stadt Gossau stieg aus dem Projekt aus. Nun liegt diese zweite Machbarkeitsstudie vor.

Vor- und Nachteile geprüft

In der Machbarkeitsstudie wurde geprüft, ob eine Gemeindevereinigung Degersheim-Flawil machbar und sinnvoll ist. Mögliche Vorteile einer Gemeindevereinigung können in der Konzentration von Leistungen, in der gemeinsamen Realisierung von Projekten oder in allfälligen Kosteneinsparungen durch zentralisierte Verwaltungsstandorte liegen.

Als Nachteile sind zu beachten, dass die geographische Distanz der Bürger zur Verwaltung zunimmt und eine Umorganisation der Verwaltungen und Behörden nötig wird. Nebst den Fakten sind Vereinigungsprojekte durch emotionale Aspekte geprägt. Auch wenn im Vordergrund das Ausnützen von Effektivitäts- und Effizienzvorteilen durch eine gemeinsame Führungs- und Verwaltungsstruktur steht, sind Befürchtungen wie zum Beispiel, dass die Dörfer ihre Eigenständigkeit verlieren könnten, ernst zu nehmen.

Vereinigung wäre machbar

Eine Fusion von Degersheim und Flawil könnte Zukunftschancen haben. Finanziell jedoch wäre eine Vereinigung eine grosse Herausforderung. Soll in einer Fusion der beiden Gemeinden auf den Steuerfuss von Flawil basiert werden (149 Prozent), sind jährlich wiederkehrende Einsparungen in der Höhe von rund 7 Millionen Franken notwendig. Es ist zwar anzunehmen, dass der Kanton eine Vereinigung mit Beiträgen unterstützt. Die Berechnungen über die Höhe der Beiträge würde der Kanton aber erst vor einer Fusionsabstimmung vornehmen.

Fusionsprojekt stoppen

In der Machbarkeitsstudie wurden drei Szenarien skizziert: • Auftrag zur Vorbereitung einer Grundsatzabstimmung im Volk, • Ausstieg einer Gemeinde aus dem Fusionsprojekt,

• engere Zusammenarbeit statt Gemeindevereinigung.

Die Gemeinderäte von Degersheim und Flawil haben die drei Szenarien an einer gemeinsamen Sitzung diskutiert und danach in eigenen Sitzungen entschieden, welches Szenario weiterverfolgt werden soll. Die Gemeinderäte der Nachbargemeinden haben beide beschlossen, das Projekt «Gemeindevereinigung Degersheim-Flawil» nicht weiterzuverfolgen. Beide Räte haben sich für das Szenario 3 «Zusammenarbeit statt Fusion» ausgesprochen.

«Machbar, aber noch nicht reif»

Aus Sicht des Flawiler Gemeinderates gibt es kaum Anzeichen aus Bevölkerung und Parteien, dass eine Gemeindevereinigung mit Degersheim angestrebt werden soll. «Die Fusion mit Degersheim war in Flawil bisher kein Thema. Daraus schliessen wir, dass keine Dringlichkeit besteht», sagt Gemeindepräsident Werner Muchenberger. «Die Fusion wäre machbar, aber die Zeit ist noch nicht reif», ergänzt er. Ein weiterer Aspekt seien die Finanzen: Um den aktuellen Flawiler Steuerfuss halten zu können, wären grosse Einsparungen nötig, die für die Flawiler Bevölkerung keine Vorteile brächten.

Kein Thema in Bevölkerung

Die Begründung für den Entscheid tönt in Degersheim ähnlich. Monika Scherrer sagt: «Die Fusion wäre grundsätzlich machbar. Doch die weichen Faktoren konnten nicht einbezogen werden. In Degersheim ist die Fusion in der Bevölkerung kein Thema.» So sei beispielsweise an der Vorversammlung keine Frage dazu gestellt worden. Kurzfristig sei das Thema der Fusion sicher vom Tisch. Was mittelfristig komme, sei offen.

«Die engere Zusammenarbeit anstelle der Fusion ist für Degersheim eine gute Lösung», sagt Scherrer. «Die Gemeinden können heute Bereiche wie beispielsweise die Raumplanung oder die Altersversorgung nicht mehr isoliert betrachten. So ist es wichtig, über Gemeinden hinweg zusammenzuarbeiten und Synergien zu nutzen.»

Kooperationen schon heute

Die Gemeinden Degersheim und Flawil arbeiten schon heute in verschiedenen Bereichen zusammen. So zum Beispiel im Sicherheitsverbund, im Abwasserverband, in der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde, im Jungunternehmerzentrum und im Anzeiger Flawil-Degersheim. Die beiden Gemeinden wollen diese nachbarschaftlichen Kooperationen in Zukunft intensiver pflegen, überall dort, wo sich für beide Gemeinden ein Mehrwert daraus ergibt. Die Gemeinden nehmen sich nun bis Mitte 2015 Zeit zu prüfen, in welchen Bereichen eine engere Zusammenarbeit möglich oder zukünftig machbar sein könnte.

Die 18seitige Machbarkeitsstudie zum Vereinigungsprojekt ist auf www.degersheim.ch («Aktuelles – News») und auf www.flawil.ch («Information – Onlineschalter – Dokumentationen») abrufbar.

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