Säumergruppe war in Appenzell unterwegs: Die Mulis sind zurück

Eine Säumergruppe hat am Samstag die historische Verbindung von Appenzell nach St.Gallen neu belebt. Der regierende Hauptmann des Bezirks Appenzell, Franz Fässler, verabschiedete die Gruppe.

Lukas Pfiffner
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Die Säumergruppe mit Maultieren kurz nach dem Start im Zentrum Appenzells.

Die Säumergruppe mit Maultieren kurz nach dem Start im Zentrum Appenzells.

Bild: Lukas Pfiffner

Drei Maultiere stehen am Samstag um 10 Uhr auf dem Postplatz Appenzell. In ihren Tragkörben haben sie Getränkevorräte geladen, also «Tööschtigs», dazu «Fleischigs», «Bröötigs» und «Chääsigs». Daneben treffen erwartungsfrohe Leute mit Hüten, Rucksäcken, währschaften Schuhen und Stöcken die letzten Vorbereitungen. Der regierende Hauptmann des Bezirks Appenzell, Franz Fässler, verabschiedet die Gruppe. «Schön, dass ihr als Zeitzeugen diesen Weg geht.» Er gibt Martin Josef Manser einen Speck mit. «Ihr könnt ihn unterwegs essen oder den St.Gallern verkaufen…»

Manser ist Sozialpädagoge, Therapeut, Naturerlebniskünstler – und Initiant der Wiederbelebung des Säumerpfads. Er hat im Rahmen einer Kinder-Ferienpassaktion und eines Teamanlasses einer Firma mit Maultieren zu tun gehabt und findet es schade, «dass im Alpstein keine Mulis mehr unterwegs sind wie früher etwa auf dem Rotsteinpass». Er habe sich gedacht:

«Es sollte möglich sein, die Begehung der historischen Wege mit den Mulis aufleben zu lassen.»

Auslöser der konkreten Planung war die Coronazeit: Manser legte zu Fuss manche Route in der Region zurück. Und er habe sich überlegt, welches die Verbindung von Appenzell nach St.Gallen gewesen sein könnte. Auch in seiner Heimat Schlatt würden schöne Pflasterstein-Abschnitte Zeugnis einer alten Strasse geben. Manser informierte sich in Unterlagen, bei Ortsbürgergemeinden, in Bibliotheken. «Ich bin eingetaucht in die Handelsbeziehungen der Appenzeller mit dem Kloster St.Gallen.» Er fand Einträge über transportierte Waren und Abkommen, nach denen die Bauern ihre Abgaben entrichteten. «Aber über die direkte Verbindung bestehen kaum Quellen.» Die Leute dürften ungefähr den Weg benützt haben, der an diesem Samstag begangen wird, vermutet er. Grösstenteils auf alten Naturwegen ist die Gruppe unterwegs. Die Route führt über rund 14 Kilometer via Schlatt, Leimensteig, Göbsi, Teufen, Fröhlichsegg, Brand, St.Georgen nach St.Gallen. Die routinierten Maultiere Luna und Orino hat er aus Oberhelfenschwil engagiert. Sie sind die Ruhe selbst und schon auf grösseren Routen unterwegs gewesen. Zudem hat sich eine Frau aus Amriswil mit dem erst fünfjährigen Muli Nala angeschlossen.

Erfahrungen sammeln

Ursprünglich wollte Manser den Anlass in sehr kleinem Rahmen realisieren. Von Mund zu Mund und via Facebook habe sich das Vorhaben verbreitet. «Bei 14 Leuten habe ich gesagt: Wir sind genug.» Aus historischen Gründen findet die Reise der «gelebten Geschichte» um den Martinitag herum statt; an diesem ­traditionellen Zinstag (11. November) brachten die Appenzeller ihre Erzeugnisse nach St.Gallen. Beim Kloster wird die Kolonne vom Dompfarrer Beat Grögli empfangen. Die Erfahrungen des Samstags möchte Manser für die nächsten Jahre nützen: Dann soll die Begehung des Säumerwegs eingebettet sein in eine Feier des Eidgenössischen Dank- und Bettages respektive in die Feierlichkeiten zum 175-Jahr-Jubiläum des Bistums St.Gallen.

«Es kann sein, dass die Tourismusbranche aus diesem Anlass etwas entwickeln will.»

Er mache das Ganze aber aus Interesse und Freude, ehrenamtlich und ohne kommerziellen Hintergrund, erzählt er. Sechs Stunden ist der Tross unterwegs inklusive einiger Kurzpausen und einer längeren Mittagsrast. «Es gab auch strenge Passagen für die Mulis, aber sie sind super gelaufen. Wunderschön war es», sagt Martin Josef Manser am Abend zufrieden.

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