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Medizin, die im Garten wächst

Die Verwendung von Heilpflanzen als Hausmittel hat in Appenzell Ausserrhoden eine besondere Tradition. Heute scheint vieles Wissen verschwunden, wenn auch das Interesse daran steigt. Ein Gespräch mit dem Naturheilpraktiker Hanspeter Horsch.
Astrid Zysset
Hanspeter Horsch in seinem heimischen Garten. Neben ihm die Pflanze Frauenmantel, die vor allem bei Zyklusbeschwerden Abhilfe schafft. (Bild: Astrid Zysset)

Hanspeter Horsch in seinem heimischen Garten. Neben ihm die Pflanze Frauenmantel, die vor allem bei Zyklusbeschwerden Abhilfe schafft. (Bild: Astrid Zysset)

Kümmel wirkt als Tee gebraut gegen Bauchweh, eine rohe Kartoffel, in Scheiben geschnitten, lässt Geschwüre abklingen und die Heidelbeerblätter als Aufguss senken den Blutzucker – was sich im heimischen Garten an Heilpflanzen finden lässt, ist erstaunlich. «Das Wissen um die alten Heilmittel ist aber beinahe verschwunden», seufzt Hanspeter Horsch. Horsch ist Naturheilpraktiker und Drogist mit eigenem Geschäft in Heiden. Dort stellt er selbst Kräuterpräparate her, verkauft Arznei und berät seine Patientinnen und Patienten. Seit einiger Zeit verzeichnet er ein gesteigertes Interesse an der Volksheilkunde. «Die Leute wollen sich das Wissen wieder erwerben. Das ist ein guter Trend, da die Eigenverantwortung gegenüber dem Körper gestärkt wird.» Gründe für den regen Zuspruch sieht Horsch deren zwei: Einerseits seien es die steigenden Gesundheitskosten im Bereich der Schulmedizin, aber auch der nostalgische Hintergrundgedanke. Man wolle wissen, was «das Grosi noch gewusst hat». Und Horsch hat dieses Wissen: In den Monaten Juni bis September bietet er in Zusammenarbeit mit der Ausserrhoder Tourismusorganisation einmal im Monat sogenannte Kräuterwanderungen an. Und: 2012 erschien sein Buch «Gesundes Wissen – Heilpflanzen». «Es ist schön, wenn ich die Menschen sensibilisieren kann.»

Mit einem faulen Apfel gegen Ohrenschmerzen

Doch wogegen sind die Heilkräuter eigentlich überhaupt geeignet? Für akute Probleme im Bereich Infekt, leichte muskuläre Defizite und rheumatische Beschwerden, fasst der Naturheilpraktiker zusammen. Vom Gebrauch der Kräuter bei chronischen und «gefährlichen» Krankheiten wie Krebs, rät Horsch ab. Dort sei die Volksheilkunde «am Limit». Die Pflanzenheilkunde gehört zum Berufsbild eines Naturheilpraktikers. So beschäftigt sich Hanspeter Horsch schon seit Jahrzehnten damit. Er sagt, der Mensch sei eigentlich dazu ausgelegt, sich selbst zu heilen. Dazu bedarf es jedoch einer Anpassung der individuellen Lebensumstände, sprich: der Ernäherung, der Bewegung, des seelischen Zustands. Wenn hier etwas im Ungleichgewicht ist, könne die Selbstheilung des Körpers nicht ausreichend wirken. «Heilpraktiker gehen nicht auf jedes Symptom einzeln los, sondern auf die Lebensführung. Sie wollen regulatorisch wirken.» Das erfordert aber einen Effort der Patientinnen und Patienten. Und diesen ideellen Aufwand scheuen viele. Sie greifen deshalb auf die Schulmedizin zurück. Ein «Spannungsfeld» sei diese Alternativenabwägung, so Horsch. Ein Spannungsfeld, in welchem die Heilpflanzen schon seit Jahrzehnten ihren Platz haben. Seit dem Abflachen der Euphorie über die schulmedizinischen Erfolge Ende der 80er Jahre erleben sie einen konstanten Zuspruch. Viel Wissen ist aber mittlerweile verloren gegangen – jedoch nicht die Literatur, wo mindestens ein Teil festgehalten wurde. «Eine abgegriffene Heilkräuterfibel findet sich heute in den meisten Haushalten. Zwar können die Menschen die Rezepte und Hausmittel nicht mehr auswendig, doch sie wissen immerhin, wo sie nachschlagen müssen», so Horsch. Vieles ist jedoch gänzlich aus der Mode gekommen: Nur noch selten werden die Heilkräuter als Kräuterpulver beim Vieh eingesetzt, und das Wissen in der Frauenheilkunde ist beinahe gänzlich verschwunden. «Schade», findet Horsch. «Den Umgang mit den Heilpflanzen gehört doch ein Stück weit zu unserer Tradition.»

Die Heilpflanzenkunde hat aber auch eine «abenteuerliche Seite», wie sie Horsch nennt. So ist ein fauler Apfel in Scheiben geschnitten und über Nacht auf das Ohr gelegt, wirksam gegen Ohrenschmerzen. Oder die Enzyme in Regenwürmern wirken beispielsweise entzündungshemmend. «Das ist die Dreckapotheke», lacht Horsch. Aber es geht noch extremer. So sei er in der Stiftsbibliothek auf eine mittelalterliche Handschrift gestossen, in welcher beschrieben wird, wie alte Schuhe im Wasser gesotten wurden. Der Sud mit der darin enthaltenen Gerbsäure half dann gegen Durchfall. «Das sind extreme Beispiele der Volksheilkunde», winkt Horsch ab. Es ginge auch weit weniger drastisch. Was sind denn mögliche «Einsteigerrezepte»? Ein Tee aus Löwenzahnwurzeln- und blättern hilft bei Leber- und Gallenproblemen, ein solcher aus Spitzwegerich gegen Husten. Und bei Rheuma am besten mit einem Farnkissen unter der Bettdecke schlafen. Horsch selbst schwört auf Propolis. Dieses Kittharz verwenden Bienen, wenn ein fremdes Insekt in ihren Stock eingedrungen ist, um es zu konservieren. Andererseits würde es anfangen zu verfaulen. Dieses Harz sei auch ideal als Wundversiegelung. Oder gegen Sonnenbrand. «Aber nicht grossflächig verwenden. Es ist ziemlich klebrig.» Heute werden vermehrt auch Heilpflanzen aus dem Ausland verwendet. So etwa Curcuma aus Südasien. Horsch findet es schade, dass dabei die einheimischen Heilpflanzen oft in Vergessenheit geraten.

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