Die Macht der Liebe in Aktion

An der Gedenkfeier zu Ehren von Jakob und Elisabeth Künzler sprach Aram I., Kirchenoberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche von Kiliken. Sein Sitz ist in Libanon. Er beschrieb die selbstlose und mutige Hilfe des Ehepaars während des 1. Weltkriegs als «The power of love in action».

Isabelle Kürsteiner
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Aram I., Kirchenoberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche von Kiliken, mit Enkeltöchtern von Jakob und Elisabeth Künzler sowie weiteren Würdenträgern. (Bilder: iks)

Aram I., Kirchenoberhaupt der armenisch-apostolischen Kirche von Kiliken, mit Enkeltöchtern von Jakob und Elisabeth Künzler sowie weiteren Würdenträgern. (Bilder: iks)

WALZENHAUSEN. Der Walzenhauser Bürger Jakob Künzler rettete im Ersten Weltkrieg 2700 verfolgte Armenier und brachte 8000 armenische Waisenkinder in Karawanen durch die Wüste in den Libanon. Am Samstag gab es ihm zu Ehren eine Feier in Walzenhausen. Dabei sagte Kirchenoberhaupt Aram I.: «Das Leben des Diakons und Arztes Jakob Künzler war gezeichnet durch Hingabe, Dienst am Nächsten und Opferbereitschaft.» Die Macht der Liebe in Aktion habe ihm den spirituellen Mut gegeben, Nein zu einem komfortablen Leben in der Schweiz zu sagen. Und dafür in einer Umgebung geprägt von Massakern, Verfolgungen und Unterdrückung zu dienen. Unter extremsten Verhältnissen hätten Künzlers Kranke geheilt, Arme betreut, Verfolgte unterstützt, Menschen in Gefahr geschützt. So seien sie zu Schweizer Samaritern an den Armeniern geworden. Zum Schluss dankte seine Heiligkeit Aram I. allen Schweizern, die dem armenischen Volk in einer Zeit der Verzweiflung Hoffnung gegeben hätten.

Vielfältiger Dank

Aram I. besuche die Schweiz, um für die hundert Jahre Solidarität Schweiz-Armenien zu danken. Nach Genf und Bern besichtigte er mit politischen und kirchlichen Persönlichkeiten aus dem Libanon sowie Teny Pirri-Simonian, Vertreterin des Katholikos in der Schweiz und Präsidentin der Armenofas Foundation, die Rauminstallation über Jakob und Elisabeth Künzler in Hundwil und dann die Gedenkfeier in Walzenhausen. Diese war von der Gemeinde Walzenhausen in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und der Evangelisch-reformierten Landeskirche organisiert worden.

Gemeindepräsident Hansruedi Bänziger begrüsste: «Jakob Künzler ist ein Beispiel für Menschlichkeit. Er sah die Wirklichkeit, den Genozid. Und unternahm etwas, um zu helfen und zu retten. Dazu brauchte es Mut, Selbstlosigkeit und ein Miteinander. Die moralische und materielle Unterstützung holte er sich bei der Schweizer Bevölkerung, bei Politikern und bemerkenswerterweise auch beim damaligen Bundesrat. Diese Gedenkfeier ist eine Ehrerweisung dafür, was Jakob Künzler vor rund 100 Jahren vollbracht hat. Lernen wir daraus und vergessen nicht.»

Kirchenratspräsident Koni Bruderer unterstrich das Wirken für unschuldig Verfolgte in einem Völkermord unerhörten Ausmasses und wies darauf hin, dass das Appenzeller Vorderland ein guter Nährboden sei für Menschen, denen Humanität und Menschenleben mehr bedeuteten als nur ein Wort wie Dunant oder Lutz. Jakob Künzler sei das Urbild eines menschlichen Menschen. Dafür gebühre ihm ein Ehrenplatz.

Mutlose Politik

Obwohl, wie Konstantin Obolensky, stellvertretender Leiter der Abteilung für menschliche Sicherheit im Eidgenössischen Departement des Äusseren, berichtete, sich die Schweiz bis heute aktiv im Südkaukasus in der Konfliktbewältigung einsetzt, haben weder Stände- noch Bundesrat den Genozid der Jungtürken am armenischen Volk anerkannt. «Zu Unrecht», wie Hans-Lukas Kieser, Professor an der Universität Zürich, und Ständerat Hans Altherr erklärten. Der Genozid sei auf höchster Ebene nur vom Nationalrat anerkannt. Dieses «Herumdrücken», so Altherr, unterstütze jedoch die Kräfte, welche nicht aufarbeiten wollten. «Wir haben uns als Zivilgesellschaft einzusetzen, jeder nach seinem Vermögen, jeder an seinem Wirkungsort.»

Die Ansprachen der Enkelinnen Jakob Künzlers, Anne Betts und Prudy Marshall, berührten ebenso tief wie der Appell von Teny Pirri-Simonian, weiterhin Verfolgten zu helfen, die Musik des Ensembles Eskeniangeli oder das Schlusswort von Hansruedi Bänziger: «Zeigen wir auch weiterhin Respekt für die mutige Arbeit von Jakob Künzler und erkennen wir darin die Notwendigkeit von Solidarität für Menschen in ähnlicher Situation heute.»

Applaus für die Würdigung und Dankesworte sowie für das Musikensemble Eskeniangeli.

Applaus für die Würdigung und Dankesworte sowie für das Musikensemble Eskeniangeli.