Die Lust des Lesens

Brosmete

Paul Gisi
Drucken
Teilen

Ich stelle kühn die Gleichung auf: Lesen gleich leben. Im Nachlass von Friedrich Nietzsche finde ich den Satz: «Das Sein – wir haben keine andere Vorstellung davon als l e b e n›.» Holla, so ist es also: das Lesen ist Sein und also Leben, derart keck modifiziere ich gelassen. Lesen ist immer auch eine Reise; im Dreh­fauteuil sitzend, stoisch eine heraklitische Pfeife rauchend, romantisch ein Glas Wein trinkend, klassische Musik hörend, der brennenden Kerze auf dem Schiefertischchen zuwinkend.

Ich lese, darum bin ich. Was für eine Gleichung, die mich beseligt! Ich renne keinen Impfungen, Passbüros und Einchekings nach, ich lache, strecke meine Füsse aus und lese «Geschichte und Utopie» von E. M. Cioran, eine Brandschrift gegen den Geist, nahe an Beckett; Laue, Satte, Denkfaule und Selbstbetrüger werden aufgewühlt in einem rasanten Atem: ein Fest des Lesens, ein Fest einer Reise.

Unabhängig davon, ob die Sonne scheint, der Regen prasselt, ob es zu heiss oder zu kalt ist, im Lesefauteuil ist die Temperatur immer dem Geschmack angepasst, immer passabel.

Ich bereite mir das Vergnügen, Lesestoffe nach «Geschwindigkeiten» zu lesen, ich habe mir da eine Skala ausgedacht: 10 ist sehr geschwind, 1 ist sehr langsam. Ernest Hemingways Roman «Inseln im Strom» lese ich mit der Lesegeschwindigkeit 10, die Gedichte «Das fünfarmige Delta» von Octavio Paz mit einer ­Lesegeschwindigkeit von 5 oder 4, Jean-Paul Sartre generell mit einer Lesegeschwindigkeit von 3, die Ansprachen von Bernhard von Clairvaux über das «Hohe Lied» und das Gesamtwerk von Else Lasker-Schüler mit einer Lesegeschwindigkeit von 2 und die Werke von Hölderlin und Nietzsche mit einer Lesegeschwindigkeit von 1.

Da muss ich unabdingbar ­differenzierend klarstellen: Die Lesegeschwindigkeiten sagen nichts über den Rang eines Lesekunstwerks aus, sie sagen bloss etwas darüber aus, wie ich sie «bereise». Einmal ist es situationsadäquat, schnell zu reisen, ein anderes Mal langsam.

Wenn ich Buchhändler wäre, würde ich eine Buchhandlung eingeteilt nach Lesegeschwindigkeiten führen; der Kunde könnte, daran zweifle ich nicht, sehr rasch entscheiden, ob er eher ein Buch mit hoher Lesegeschwindigkeit oder mit tiefer Lesegeschwindigkeit kaufen möchte. Die Lust des Lesens kennt keine Grenzen, ob schnell oder sehr langsam.

Paul Gisi