Die Lust des ersten Satzes

Manchmal streife ich durch meine Hausbibliothek in den verschiedenen Zimmern, zupfe wahllos ein Buch heraus und lese den ersten Satz, und dabei pocht mein Herz in hohen Sprüngen. «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

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Manchmal streife ich durch meine Hausbibliothek in den verschiedenen Zimmern, zupfe wahllos ein Buch heraus und lese den ersten Satz, und dabei pocht mein Herz in hohen Sprüngen. «Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde.» Was für ein Satz im Buch Genesis, da wird die Welt, das Leben eingeläutet. Der Roman «Weingott» von Wilhelm Lehmann beginnt so: «Der süsse Geist der Gestaltung und der grauenvolle Geist der Gestaltlosigkeit liegen immer miteinander im Kampf.» Bei Yasunari Kawabata in «Ein Kirschbaum im Winter» lese ich: «Ogata Shingo, die Brauen zusammengezogen, den Mund leicht geöffnet, schien über etwas nachzudenken.» In Pearl S. Bucks «Die gute Erde» steht folgender kurze Satz am Anfang: «Es war Wang Lungs Hochzeitstag.» «Henri blickte ein letztes Mal zum Himmel hinauf: ein schwarzer Kristall», leitet «Die Mandarins von Paris» von Simone de Beauvoir ein. «Elizabeth war gerade sechzehn, als sie die Plantage in einer vom Gesang der Frösche widerhallenden Nacht zum ersten Mal erblickte, und zunächst hatte sie Angst», leitet den Roman «Von fernen Ländern» von Julien Green ein. Herbert Rosendorfers Romanouvertüre von «Der Ruinenbaumeister» lautet so: «Wer in einen Zug steigt, in dem sechshundert Nonnen eine Wallfahrt nach Lourdes antreten, ist froh, ein Abteil für sich allein zu finden, auch wenn ihm darin ein komisches, leises Pfeifen und mehr noch ein leichter, kalter, säuerlicher Geruch auffällt.»

Nun würde ich am liebsten den ersten Satz von Michel Leiris' vierbändigem Werk «Die Spielregel» zitieren, doch das geht leider nicht, er ist zu lang, er füllte eine ganze Zeitungsspalte. Es ist eine Lust, erste Romansätze zu lesen, denn jeder Satz, ob kurz oder lang, ist wie ein Gongschlag der Erwartung, fächert meine Unruhe auf: Was wird geschehen?

Der Roman „Der besessene Bibliothekar“ von Mircea Eliade beginnt so: „Am Morgen des 28. April klopfte ein unerwarteter Besucher an die Tür des Pförtners Julius.» – Ach, ich taumle schier vor Freude. Ich erinnere mich: Was für ein Lesefest, als ich dieses Buch las…