Die Lage wurde ungemütlich

GANTERSCHWIL. Seit bald sieben Jahren wohnt Juan Siegenthaler in Ganterschwil. Er wurde in Argentinien geboren und lebte rund 70 Jahre im südamerikanischen Land. Er blickt auf ein äusserst bewegtes Leben mit Hochs und Tiefs zurück.

Albert Büchi
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Juan Siegenthaler zeigt auf der Landkarte, wo er in Argentinien lebte. (Bild: alb)

Juan Siegenthaler zeigt auf der Landkarte, wo er in Argentinien lebte. (Bild: alb)

Juan Siegenthaler hat viel zu erzählen. Und er tut dies auch. Zwei Stunden lang berichtet der Ganterschwiler, der den grössten Teil seines Lebens in Argentinien verbrachte, lebhaft über seine bewegte Vergangenheit. Dabei ist er gesundheitlich angeschlagen, muss jede Woche mehrmals nach St. Gallen zur Behandlung. Vor rund zwei Monaten feierte Siegenthaler seinen 80. Geburtstag.

Sein Vater besass am Vierwaldstättersee eine kleine Werft, bevor er 1927 nach Argentinien auswanderte, weil die wirtschaftliche Lage damals in der Schweiz wenig rosig war. Vater Siegenthaler fand in Buenos Aires Arbeit in einer grossen Firma, welche Flussschifffahrt betrieb. Daneben baute er selbst Boote. Für ein Unternehmen in Bariloche konstruierte er ein Schiff für 50 Personen, doch am Abend vor der Einweihung versagte der Motor.

Weil keine schriftlichen Verträge vorhanden waren, geriet die Familie Siegenthaler in Schwierigkeiten und kehrte in die Schweiz zurück.

Erneut nach Argentinien

«Mein Vater war ein bisschen ein Zigeuner», erinnert sich Juan Siegenthaler. Nach einigen Jahren in Basel zog die Familie wieder nach Argentinien. Vor dem Zweiten Weltkrieg bekamen Schweizer bei der Auswanderung finanzielle Unterstützung. Siegenthalers kamen in die Provinz Misiones im Nordosten Argentiniens.

Das Klima dort behagte den Schweizern jedoch nicht, sie suchten sich eine andere Bleibe. Weiter südlich, in der Nähe von Cordoba, konnten sie eine Estancia erwerben. Acht Schweizer Familien konnten einen Teil davon landwirtschaftlich nutzen. Zu jedem Haus gehörte ein Garten, in dem Früchte und Gemüse angebaut wurden. Die Einwanderer waren praktisch Selbstversorger. Juan Siegenthaler erzählt in gut verständlichem Schweizerdeutsch: «Zu Hause sprachen wir nur Mundart. Zuerst trat ich in eine staatliche Schule ein.

Da konnte ich kein Spanisch.» Er wechselte dann in eine deutsche Privatschule. Dort lernte er Deutsch, Spanisch und Englisch. Es war die Zeit kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Das deutsche Panzerschiff «Admiral Graf Spee» wurde von englischen Kriegsschiffen in den Hafen von Montevideo gedrängt und von der eigenen Besatzung versenkt. Bevor Kapitän Hans Langsdorff das Schiff sprengen liess, wurde der grösste Teil der Besatzung heimlich evakuiert. Viele der Besatzungsmitglieder liessen sich in der Nähe von Cordoba nieder.

Siegenthaler stellt ihnen ein gutes Zeugnis aus: «Sie brachten Aufschwung ins Dorf.» Der Vater von Juan Siegenthaler beschäftigte in seinem Baugeschäft etwa 40 Angestellte. Nach der Schule war der Sohn einer von ihnen. «Sommer und Winter war ich auf dem Dach. Das gefiel mir gar nicht», gesteht der Erzähler. Er besuchte die Kriegsmarine-Schule und wurde in die Kriegsflotte versetzt. Doch auch hier hatte er «nach sechs Jahren die Nase voll».

Er lernte Elektromechaniker und fand eine Anstellung in einer Fabrik, die chirurgische und zahnärztliche Instrumente herstellte. Siegenthaler konnte dort viele Jahre arbeiten, auch im Labor.

Eigene Firma aufgebaut

Das Jahr 1956 war ein Meilenstein für Juan Siegenthaler. Er heiratete Maria-Luisa Chiwitt und wagte zugleich den Schritt in die Selbständigkeit. Unter anderem stellte er Teile für Tankstellen her. Doch nach einem Regierungswechsel wurde er arbeitslos.

Nun sattelte er um auf Sicherheitseinrichtungen wie Notrufschalter, Sirenen, Signale für Polizei und Ambulanz. Das rentierte bald nicht mehr, und Siegenthaler konzentrierte sich auf das Innenleben von Stempeluhren. Das Geschäft lief gut. Doch mit dem Regierungswechsel habe der Abstieg Argentiniens begonnen, zieht der Ganterschwiler Bilanz.

Die Uhren kamen nun aus Taiwan und bei Siegenthalers grösstem Abnehmer gab es Veränderungen. Für die Auslandschweizer Familie wurde die Lage zusehends unangenehmer.

2003 entschieden sich Juan Siegenthaler und seine Frau Maria-Luisa, Argentinien zu verlassen und den Lebensabend in der Schweiz zu verbringen. Sie seien in Argentinien mehrmals überfallen und mit dem Tod bedroht worden, schildert Siegenthaler.

Wie kommt ein Argentinier, der mit dem Untertoggenburg nichts zu tun hatte, ausgerechnet nach Ganterschwil? Seine Kinder leben seit Jahren in der Schweiz. Der in Ganterschwil wohnende Sohn fand ein passendes Haus, und so fasste das Ehepaar Siegenthaler hier Fuss.

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