Die Kultur als Teil des Testaments

Die Stiftung «Erbprozent Kultur» will die Kulturförderung demokratisieren. Sie ruft Menschen dazu auf, ein Prozent des persönlichen Erbes für kulturelle Zwecke zu spenden. Einer der ersten Unterstützer ist Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz.

Michael Genova
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Die Idee zur Stiftung «Erbprozent Kultur» entstand während der Vorbereitungen zur Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde, die dieses Jahr in Heiden tagte. (Bild: Karin Erni)

Die Idee zur Stiftung «Erbprozent Kultur» entstand während der Vorbereitungen zur Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde, die dieses Jahr in Heiden tagte. (Bild: Karin Erni)

AUSSERRHODEN. Es ist eine Ausserrhoder Idee, die noch weite Kreise ziehen könnte: An der Kulturlandsgemeinde in Heiden wurde am Samstag die nationale Stiftung «Erbprozent Kultur» lanciert. Die Stiftung gibt jeder und jedem die Möglichkeit, freiwillig ein Prozent des persönlichen Erbes für die Kulturförderung zu stiften. «Es ist eine Form, wie man die Diskussion ums Vererben anders führen kann», sagt Margrit Bürer, Leiterin des Ausserrhoder Amts für Kultur und eine der Initiantinnen. Entstanden ist die Idee während der Vorbereitungen für die diesjährige Kulturlandsgemeinde, die sich während zwei Tagen mit dem Thema Erben beschäftige.

Prominente Unterstützer

Nationale und regionale Medien haben bereits über die neuartige Stiftungsidee aus Appenzell Ausserrhoden berichtet. Dies hängt auch damit zusammen, dass sich unter den ersten 40 Unterstützern namhafte Persönlichkeiten befinden. Einer davon ist Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Auf der Homepage der neuen Stiftung wirbt er in einem Video-Statement für eine gesellschaftliche Verankerung der Kulturförderung. Über seine Motivation sagt Vincenz der Appenzeller Zeitung: «Eine lebendige Kultur ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.» Mit dem «Erbprozent Kultur» werde eine private Initiative für kulturelle Anliegen aktiv. «Das gefällt mir – und darum mache ich auch mit», so Vincenz. Auch die St. Galler alt Regierungsrätin Kathrin Hilber konnten die Initianten für die Idee gewinnen. «Viele kleine Beiträge zusammen können Grosses bewirken», sagt sie. Das Erbprozent garantiere eine nachhaltige Kulturförderung. «Wenn ich in meinem Testament Kulturinstitutionen berücksichtige, weiss ich nicht, ob es diese zum Zeitpunkt meines Ablebens noch gibt. Daher ist der Weg über eine Institution sehr praktisch», so Hilber.

Um bei der Idee des Kulturprozents mitzumachen, reicht ein kurzes handschriftliches Erbversprechen. Die Stiftung hält auf ihrer Website ein Muster-Dokument bereit und gibt Antworten auf rechtliche Fragen.

Eine Stiftung für alle

Von seiner Bezeichnung her erinnert das «Erbprozent Kultur» an das Migros-Kulturprozent. Seit 1957 investiert die Migros einen bestimmten Prozentsatz ihres jährlichen Umsatzes in kulturelle Projekte. Doch das Migros-Kulturprozent sei kein direktes Vorbild gewesen, sagt Margrit Bürer. «Das ist eine unternehmerische erfolgreiche Initiative. Uns geht es darum, dass auch Personen mit wenig Vermögen, Teil einer grossen Idee sein können.» Das Ziel sei eine Stiftung getragen von der breiten Bevölkerung. Dass dies durchaus dem Zeitgeist entspricht, bestätigt Hedy Graber, Leiterin Direktion Kultur und Soziales beim Migros-Genossenschafts-Bund Zürich: «Der Siegeszug des Crowdfunding zeigt, dass solche Projekte erfolgreich sein können, sofern es gelingt, die Massen zu mobilisieren.» Der englische Begriff Crowdfunding steht für eine neuartige Form der Finanzierung. Dabei beteiligen sich Einzelpersonen über Internetplattformen meist mit Kleinstbeträgen an kommerziellen oder kulturellen Projekten.

Ein Kanton der Ideen

Damit das Projekt ins Laufen kommt, beteiligt sich der Kanton Appenzell Ausserrhoden mit einer Anschubfinanzierung von 150 000 Franken an der auf zwei Jahre angelegten Aufbauphase. Das Geld stammt aus dem Fonds «Kulturmillion», welcher vor Jahren mit Geldern aus dem Verkauf des Nationalbankgoldes geäufnet wurde. Margrit Bürer betont, dass die Stiftung die staatliche Kulturförderung nicht ersetzen, sondern ergänzen wolle. Das «Erbprozent Kultur» sei ein Beispiel dafür, wie ein kleiner Kanton wie Appenzell Ausserrhoden eine Art Leuchtturm für Ideen sein könne.

www.erbprozent.ch

Margrit Bürer Leiterin Ausserrhoder Amt für Kultur (Bild: mge)

Margrit Bürer Leiterin Ausserrhoder Amt für Kultur (Bild: mge)

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