Die Krisen der Welt in Appenzell

APPENZELL. Die Welt ist in keiner guten Verfassung. Von Krieg, Vertreibung, Verzweiflung, Flucht und Gewalt merkt allerdings kaum etwas, wer jahrein, jahraus in Mitteleuropa lebt. Hier bereiten sich Militärbeobachter auf ihre UN-Mission vor.

Guido Berlinger-Bolt
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Infusionen stechen: Im Notfall Erste Hilfe leisten zu können, ist in einem Krisengebiet unabdingbar. (Bilder: gbe)

Infusionen stechen: Im Notfall Erste Hilfe leisten zu können, ist in einem Krisengebiet unabdingbar. (Bilder: gbe)

Bürgerkrieg in Burundi, fragiler Waffenstillstand zwischen Nord- und Südkorea, Vertreibungen und Gewalt im Sudan; Palästina, Kongo und Nepal. Die Liste liesse sich problemlos verlängern; die Verfassung der Welt im Jahr 2010 ist keine sehr gute. Sie macht militärische Interventionen, Hilfslieferungen, diplomatische und militärische Friedensmissionen nötig. Und sie braucht Menschen, die bereit sind, zu helfen, hinzusehen und zu berichten. Solche Menschen üben derzeit in Appenzell die Arbeit in den Krisengebieten der Welt.

Der Bevölkerung zwischen Gais und Gonten sind die weissen UN-Puchs, die Piranha-Radpanzer und andere Armeefahrzeuge zweifellos ins Auge gestochen. Im Dreiländereck am Bodensee findet eine sechstägige Abschlussübung der internationalen Militärbeobachter, der Blaumützen, statt. Der Name der Übung ist gleichzeitig das Programm der Truppen: «4-pce» – gesprochen: for peace – für Frieden.

Vorbereitung für UN-Missionen

70 Offiziere aus 16 Nationen wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den nationalen Kompetenzzentren für Friedensmissionen einer zwei- bis dreiwöchigen Ausbildung für ihren Einsatz in einem Krisengebiet vorbereitet. Das schweizerische Zentrum befindet sich in Stans und trägt den Namen Swissint.

Es ist für Planung, Bereitstellung und Führung aller schweizerischen militärischen Kontingente und Einzelpersonen im friedensfördernden Auslandeinsatz verantwortlich (siehe Stichwort). Walter Frik ist Major der Schweizer Armee; er arbeitet in der Kaserne Stans als Chef der Kommunikation. Für den heutigen Besuchstag während der Übung reiste er in die Ostschweiz, nach Appenzell – oder in den «südlichen Sektor von Centland», wie die Region im äusserst sachlich gehaltenen «Drehbuch» der Übung heisst.

Er erläutert uns die Übungsanordnung, die ganz der Realität nachempfunden wurde. Das Ziel der Übung «4-pce» ist es, eine fiktive Friedensmission entlang einer fiktiven Demarkationslinie durch Süddeutschland, Vorarlberg und die Ostschweiz zu führen. Die beübten Blaumützen-Offiziere müssen dabei das während der vergangenen Wochen gelernte Wissen umsetzen und anwenden.

Das heisst: Fahrzeuge kontrollieren, Grenzen überwachen, Vorkommnisse, die mit einem Friedensvertrag zwischen zwei Kriegsparteien verboten wurden, notieren und melden. Bewertet und kontrolliert werden sie dabei von erfahrenen Instruktoren aus den vier beteiligten Trainingscentern.

Fehler jetzt noch erlaubt

Und dann nimmt uns Walter Frik auf eine Inspektionsfahrt mit. «Wenn die angehenden Blaumützen hier Fehler machen, macht das nichts», sagt Frik.

«So lernen sie, wie sie sich in einer bestimmten Situation verhalten müssen und wie sie mit Erlebnissen umgehen müssen.» Frik weiss, wovon er spricht: Er war selber während anderthalb Jahren in Georgien als Militärbeobachter im Einsatz.

Neben dem Dutzend Schweizer Offizieren absolvierten zwölf weitere aus verschiedenen Ländern den Lehrgang in Stans.

«Zu ihnen gesellen sich WK-Soldaten der Schweizer Armee, die als Übungstruppe Teile einer fiktiven Konfliktpartei spielen – einen Stammesältesten etwa, der die Militärbeobachter bedrängt. Eine solche Szene übte ein Team gestern nachmittag an ihrem Stützpunkt in Jakobsbad. Im Hauptquartier der Übung übten die angehenden Blaumützen eines anderen Teams Erste Hilfe. Und setzten sich gegenseitig Infusionen.

Zum Besuchstag heute erwartet Walter Frik die Militärattachés verschiedener Länder in der Schweiz sowie die Presse. Nach einem Briefing fahren die Besucherinnen und Besucher zu zwei Übungsposten und erhalten damit einen Überblick über die Ausbildung. Und über die Schwierigkeiten, denen Blaumützen während ihres Einsatzes ausgesetzt sein werden.

Berichte anfertigen: Diese Blaumützen werden die Augen und Ohren des UNO-Sicherheitsrats werden.

Berichte anfertigen: Diese Blaumützen werden die Augen und Ohren des UNO-Sicherheitsrats werden.

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