Die Kletterkünstler sind bedroht

Z wie Ziegen: Geissen spielen im Brauchtum des Appenzellerlands eine bedeutende Rolle. Die in der Region typische Rasse ist aus verschiedenen Gründen in ihrer Existenz gefährdet. Es gibt jedoch auch Lichtblicke.

Jesko Calderara
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Zu einer traditionellen Alpfahrt gehören Appenzellerziegen dazu. (Bild: Reto Martin)

Zu einer traditionellen Alpfahrt gehören Appenzellerziegen dazu. (Bild: Reto Martin)

APPENZELLERLAND. Sie gehört in der Region zum Landschaftsbild und ist traditionellerweise fester Bestandteil eines Alpaufzuges: die weisse, langhaarige Appenzellerziege. «Sie gilt als sehr robust, widerstandsfähig und verfügt über eine beachtliche Milchleistung», sagt Inés Riemensperger. Die Geissenhalterin aus Bettingen bei Basel betreibt die Website Appenzellerziege.ch. Damit soll die Bekanntheit der als gefährdet eingestuften Rasse gefördert und der Kontakt zwischen Interessenten sowie Züchtern ermöglicht werden. Als weitere Besonderheit der Appenzellerziege nennt Riemensperger deren ausgeglichenen und freundlichen Charakter. «Aufgrund ihrer häufigen Zwillingsgeburten hat sie zudem eine überdurchschnittlich hohe Fruchtbarkeitsrate.»

Wählerische Schafe

2015 wurden in der Schweiz 900 Tonnen Ziegenkäse produziert. Vor zehn Jahren waren es 200 Tonnen weniger. Weltweit trinken mehr Menschen Geis-

senmilch als die Milch anderer Tiere. Absatz- und Preisprobleme gebe es in diesem Segment keine, sagt Riemensperger. «Geissen eignen sich abgesehen davon gut, um Verbuschungen von Gebieten zu bekämpfen.» Im Gegensatz zu schweren Tieren wie Kühen beweideten sie als Kletterkünstler gerne auch steiles und schwierig zugängliches Gelände, so die Expertin. Schafe dagegen seien beim Futter wählerischer. «Kühe wiederum eignen sich für ertragsreiche Weiden.»

Berggängige Tiere

Die aktiven Züchter der Appenzeller Geissen sind in je einer Ausserrhoder und Innerrhoder Genossenschaft organisiert. Im Herbst gibt es in Urnäsch und Appenzell zwei Bestandesschauen. «Die Tiere werden hauptsächlich von Landwirten gehalten und gezüchtet», sagt Inés Riemensperger. Etwa die Hälfte der im Herdenbuch eingetragenen Appenzellerziegen befinden sich in den beiden Appenzeller Kantonen, der übrige Teil wird im Kanton St. Gallen und der übrigen Schweiz gehalten. Geissen sind während des Sommers auch auf den Alpen im Appenzellerland anzutreffen. Die Rasse sei aufgrund ihrer Berggängigkeit und der hohen Milchleistung gut für die Sömmerung auf der Alp geeignet, sagt Riemensperger.

Interessantes Standbein

In der Region ist die Appenzellerziege nach wie vor eng mit den einheimischen Traditionen und kulturellen Werten verbunden. So führt immer ein Bub in Sennentracht eine Alpfahrt an, gefolgt von einigen einheimischen Geissen. Nur schon für diesen Zweck würden einige Züchter die Tiere halten, sagt Riemensperger. Andere wiederum sehen in der Ziegenhaltung ein interessantes wirtschaftliches Standbein. Dazu beigetragen haben die Aktivitäten des Schweizerischen Ziegenzuchtverbandes, der Stiftung ProSpecieRara und anderen Partnern im Bereich Vermarktung.

Export nach Preussen

Ihre Blütezeit hatte die Appenzellerziege Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In dieser Zeit seien Tiere in grossem Umfang in die Kantone Zürich und Thurgau verkauft sowie nach Preussen exportiert worden, sagt Riemensperger. Rund 5000 Zuchttiere wurden damals gezählt. Ab 1920 ging der Export jedoch stark zurück, vor allem aufgrund des Währungszusammenbruchs in Deutschland. Zudem bevorzugten die Ziegenhalter immer mehr die kurzfelligen Rassen, die ihrem Bild einer «Edelziege» besser entsprachen. Erschwerend kam hinzu, dass die Behörden im Jahre 1903 den Waldweidegang und das Weiden auf Gemeindegütern untersagten. Dadurch verloren die Ziegen eine wichtige Futterbasis. Als Folge der erschwerten Haltung und Verdienstmöglichkeit ging auch die Zahl der Ziegen markant zurück. Im Jahre 1936 wurden gerade noch 406 Appenzellerziegen gezählt, heute sind es wieder über 1100 (siehe rechts).