Die Kindheit aus distanzierter Sicht

Medientipp der Appenzeller Bibliotheken

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Vor knapp einem Jahr hat Esther Spinner ihre Recherche verlebter Kindheit, versäumter Mutterjahre in der Zürcher Edition 8 herausgebracht – ihre ungefähr sechste Erzählprosa. Es hätten sie (so sagt’s der erste Satz im Buch mit dem Titel «Alles war») die Erinnerungen verfolgt, seit die Mutter besorgniserregend gekränkelt habe. Tatsächlich könnte man den Roman als Krankengeschichte lesen oder, vom Buchschluss aus, als Nachruf. Als Abschied, Klage, nicht zuletzt als Rechtfertigung. Aber aussergewöhnlich wär nicht dies oder jenes, hingegen das halbe Dutzend Passagen mit dem Kindheitsbericht. Die erste setzt rund zwanzig Seiten nach der Buch-Eröffnung ein, wird ausdrücklich als «Annäherung» an die Jahre der Adoleszenz bezeichnet und wechselt glückhaft die Perspektive vom Ich zu «das Kind», sodass der davor (Seite 12) angesagte, ja angedrohte «einzige Kindheitsbrei» changiert vom Erzähltwerden, Plaudern, Schwätzen in eine sichtende, berichtende, beschreiberische Stillage. Spinner versprachlicht das im Gedächtnis bewahrte Zürcher Quartier Seefeld, verortet eine ehemals patrizianische, nunmehr vernachlässigte Wohnsituation.

Die Stillage schlägt um von der Ich-Form, worin die Jetztzeit, die Schreibzeit erfasst ist – meine Mutter/meine Schwindelanfälligkeit/mein Kamillentee/meine Lektüren/mein Papa (verstorben? verschwunden?) /meine Freundinnen/meine Römer Wohnung – zur Sicht einer Viertel-, dann Halbwüchsigen im zeitlosen Präsens: das Kind darf oder darf nicht. Das Kind fragt. Das Kind gelangt. Das Kind beobachtet Elsie, die Hausdienerin. Das Kind kennt das Meer von Postkarten her. Und dabei, bei all dem, werden Zimmer und Salon, deren Einrichtung, das Mobiliar einer Grosswohnung, darin der Buchschatz beziehungsweise Schund, und Fauteuil, Buffet, Bett, Schrank, Vitrine, Besteck zum Vorschein gebracht.

Die Passagen mit dieser Optik, im Umfang zirka eines Buchviertels, machen das Glück dieses 2017er Erzähltexts aus. Eine Vaterdemontage, ein Mutterporträt und Geschwisterkritik hat Esther Spinner bereits 1996 vorgelegt im Roman «Meine Mutter hat meinem Vater mit einer Pfanne das Leben gerettet». Mit der jetzt aber distanzierten, vorwiegend beschreiberischen Perspektive ist ein Erzählverfahren «gefunden», dass Kindheits-Wirklichkeit objektiviert – in ihrer sprachgewaltigen Schilderung einer in jeder Beziehung harten Adoleszenz.

Rainer Stöckli, Gemeindebibliothek Reute

Vatersuche, Mutterverlust, Kindheitstableau. Zu Esther Spinners Annäherungen an die Eltern, insbesondere im Buch mit dem Titel «Alles war» (Zürich, März 2017). Esther Spinner: Alles war. Ein Roman aus der Edition 8. Zürich 2017. (978-3-85990-302-9). Ausleihbar in Ihrer Bibliothek. Alle Medientipps sind nachzulesen unter: www.biblioapp.ch