Die Karriere des Arthur Eugster

Vor 100 Jahren sass der Ausserrhoder FDP-Vertreter Arthur Eugster auf dem Stuhl des Präsidenten des Nationalrates. Bis heute blieb er der einzige aus Appenzell Ausserrhoden, dem diese Ehre zuteil wurde.

Hanspeter Strebel
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Landammann-Porträt von Arthur Eugster, gemalt von Ida Baumann. (Bild: zVg)

Landammann-Porträt von Arthur Eugster, gemalt von Ida Baumann. (Bild: zVg)

AUSSERRHODEN. Das Brüderpaar Howard und Arthur Eugster aus Speicher legte, teilweise zeitgleich, eine aussergewöhnliche politische Karriere hin und gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der Ausserrhoder Geschichte. Der SP-Politiker Howard Eugster, der aufgrund des Einsatzes für die Arbeiterschaft den Ehrentitel «Weberpfarrer» erhielt, dürfte bis heute der Bekanntere sein. Es war aber dem zwei Jahre jüngeren Arthur vergönnt, mit der Wahl zum Nationalratspräsidenten das höchste Amt der Schweiz zu erklimmen, was für einen Freisinnigen über Jahrzehnte bedeutend einfacher war als für einen Vertreter der SP.

Paralleler Lebensweg

Die beiden später politisch so ungleichen, in ihrer Wirkung aber gleichermassen aussergewöhnlichen Brüder wurden in New York in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie geboren. Sie erlitten früh das Schicksal von Vollwaisen, kamen in die Schweiz zurück und wuchsen schliesslich bei einem Onkel in der Röhrenbrugg in Speicher (im heutigen Gemeindehaus) auf. Noch Jahre nach der obligatorischen Schulzeit verlief der Lebensweg erstaunlich parallel. Beide besuchten das angesehene Lerbergymnasium in Bern und studierten später in Neuenburg, Basel und Berlin Theologie. Das kam aufgrund ihrer Nähe zu Ortspfarrer Gottfried Lutz, der sie nach dem Tod ihres Pflegevaters in konservativ pietistischem Geist betreute, nicht ganz von ungefähr. 1887 wurden die beiden Eugster-Brüder zu Pfarrern ordiniert. Erst dann trennten sich ihre Wege, wobei stets eine starke Verbundenheit blieb, auch wenn sie politisch nun ganz andere Pfade einschlugen.

Vom Pfarrer zum Politiker

Als erste Berufsstation übernahm der erst 24jährige Arthur Eugster 1887 das Pfarramt in Reute und wechselte vier Jahre später nach Trogen. Mit seiner eher das klassische Familienbild verkörpernden Frau Bertha zog er fünf Kinder gross, wobei eines bereits im jugendlichen Alter verstarb, was die Familie noch stärker zusammenschweisste.

Wiewohl er als Pfarrer beliebt war und vor allem durch seine aussergewöhnlichen Predigten auffiel, schien ihn diese Tätigkeit zu wenig auszufüllen und er wandte sich stärker den Problemen des weltlichen öffentlichen Lebens zu. So war er Mitglied der Landesschulkommission, eine Aufgabe, die er 20 Jahre ausüben sollte und die ihn zeitlebens zum kenntnisreichen Bildungspolitiker machte mit besonderen Verdiensten für die Kantonsschule. Als 32-Jähriger wurde er als Vertreter Trogens in den Kantonsrat gewählt, was den Startschuss zu einer politischen Karriere bedeutete. Im Jahre 1900 gab Arthur Eugster seine Pfarrtätigkeit auf und übersiedelte in das Haus seiner verstorbenen Schwiegermutter nach Speicher, dem Ort seiner Kindheit, den er nicht mehr verlassen sollte. Als Kantonsrat war er massgeblich an der harzigen Erarbeitung eines neuen Steuergesetzes beteiligt, welches die Landsgemeinde 1897 annahm, nachdem zuvor mehrere Entwürfe gescheitert waren und sich der Kanton mit Verordnungen über die Runden helfen musste. Auch die Kantonsverfassung von 1908 trägt Arthur Eugsters Handschrift. Er hatte den Verfassungsrat präsidiert. Zweimal, 1899 und 1913, präsidierte er den Kantonsrat. Zwischen den beiden einjährigen Amtsperioden hatte er als Bildungsdirektor in der Kantonsregierung Einsitz genommen und dabei bis zu seinem Rücktritt 1910 zweimal je drei Jahre als Landammann gewirkt. Zeitweise zeitgleich gehörte er dem Nationalrat an, wobei er sich als Finanzpolitiker profilierte.

Auf dem höchsten Stuhl

Für das Amtsjahr 1915/16 wurde er zum Präsidenten der Grossen Kammer gewählt, was in seinem mit derartigen Ämtern nicht verwöhnten Heimatkanton Begeisterung auslöste. Seine Amtszeit mitten im Ersten Weltkrieg war von heftigen Meinungskämpfen und durch Zwist und kulturelle Differenzen zwischen der Deutschschweiz und der Romandie belastet. 1916 fand eine berühmt gewordene «Neutralitätsdebatte» statt. Eugsters besonnene und souveräne Amtsführung war für das Land und den inneren Frieden in dieser Periode wichtig. Wahlvorschläge zum Bundesrat oder Bundeskanzler wie auch Gesandtschaften lehnte er ab, da er um seine Gesundheit bangte, die ihn 1921, ein Jahr vor seinem Tod, denn auch zum Rücktritt aus der Bundespolitik zwang.

Neun Jahre hatte er als Mann der Wirtschaft neben seinem Nationalratsmandat auch dem Verwaltungsrat der Schweizerischen Nationalbank sowie demjenigen der SBB angehört. Auch an Privatunternehmen war er beteiligt, etwa bei der damals weltbekannten Maschinenfabrik Oerlikon, die er elf Jahre als Verwaltungsratspräsident präsidierte und zu geschäftlichem Erfolg führte. Sehr belastet zu haben scheint Arthur Eugster sein Mandat als IKRK-Delegierter für die Inspektion von Gefangenenlagern bei den Kriegsgegnern Deutschland und Frankreich. Er schrieb dazu objektive, aber erschütternde Berichte, die ihm internationale Anerkennung verschafften und ihn als überzeugten Vertreter der Humanität zeigten. 2007 hatte eine Ausstellung zu den Eugster-Brüdern im Museum für Lebensgeschichten in Speicher Einblick in diese Schriften ermöglicht: «Furchtbare Kriegsbilder haften unauslöschlich in meiner Seele und lassen mein Herz bluten», heisst es da zum Beispiel.

Gründer der kantonalen FDP

Auch parteipolitisch schrieb sich Arthur Eugster in die Ausserrhoder Kantonsgeschichte ein, reorganisierte er doch den eine Art Dachorganisation der liberal-konservativen Lesegesellschaften darstellenden «Volksverein» und führte ihn 1910 in die Fortschrittliche Bürgerpartei (F. B. P., ab 1946 FDP) über, die zu Beginn stolze 1500 Mitglieder zählte. Ganz speziell ist, dass diese Neustrukturierung ausgerechnet mit Arthur Eugsters Bruder Howard zusammenhängt, dem 1908 als Vertreter der Linken gegen Schwergewichte des Volksvereins bereits im ersten Wahlgang der Einzug in den Nationalrat gelang, welchem damals noch drei Ausserrhoder Vertreter (heute noch einer) angehörten. Die Wahl erregte landesweit Aufsehen und zwang die Liberalen im Kanton zu einer Gegenstrategie, zu der Arthur Eugster erfolgreich die Initiative ergriff, auch wenn der «Weberpfarrer» bis zu seinem Tod nicht mehr aus der Bundespolitik (und auch nicht aus dem Regierungsrat) zu verdrängen war.

Vornehm im besten Sinne

Eine riesige Trauergemeinde nahm am 11. Januar 1922 in der Kirche Speicher und ein engerer Kreis im Krematorium St. Gallen Speicher Abschied von Arthur Eugster. Auch die nationale Presse nahm in Nachrufen ehrend Kenntnis von diesem Ausserrhoder, der einen Platz in der Geschichte nicht nur seines Heimatkantons, sondern des ganzen Landes habe. Arthur Eugster sei ein Mann von ungewöhnlicher Begabung, umfassender Bildung, seltener Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit sowie von idealem und doch weltaufgeschlossenem Sinn gewesen, meinte ein kirchlicher Redner an der Trauerfeier. «Er war eine wahrhaft vornehme Erscheinung im besten Sinne des Wortes und gerade darum befähigt, gleich sicher und gewandt sich in der Welt der Grossen zu bewegen, wie auch einfach und natürlich mit dem schlichten Mann aus dem Volke zu verkehren – und das nicht aus kluger, künstlicher Berechnung, die sich geschmeidig den Verhältnissen anpasst und nach Gunst und Beifall giert, sondern er gab sich klar und wahr, ein edler Charakter, eine in sich geschlossene Persönlichkeit.»

Es dauerte in der neueren Zeit recht lange, bis die Gemeinde Speicher von ihren grossen Bürgern, dem Brüderpaar Arthur und Howard Eugster Kenntnis nahm. Das änderte sich mit der Ausstellung im Museum für Lebensgeschichten, mit der Gestaltung eines «Eugsterwegs» mit Informationstafeln und den biographischen Lebenslinien der beiden auf Initiative der lokalen SP und mit dem Stellenwert, den sie in der Speicherer Gemeindechronik von 2010 erhielten und dem Web-Portal Wiki Speicher, wo eine Würdigung enthalten ist.

Hochzeitsfoto von Arthur und Bertha Eugster-Eugster. (Bild: Kantonsbibliothek)

Hochzeitsfoto von Arthur und Bertha Eugster-Eugster. (Bild: Kantonsbibliothek)

Ein «Lebensweg» in Speicher erinnert an das Wirken des Brüderpaars Howard und Arthur Eugster. (Bild: hps)

Ein «Lebensweg» in Speicher erinnert an das Wirken des Brüderpaars Howard und Arthur Eugster. (Bild: hps)