Die Jugendlichen sensibilisieren

WATTWIL. Das Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Toggenburg führt in Zusammenarbeit mit «Road Cross» und der Kantonspolizei St. Gallen zum dritten Mal eine Sonderwoche zum Thema Unfallprävention im Strassenverkehr durch.

Urs Huwyler
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Das Unfallauto eines 21jährigen Rasers steht als Mahnmal vor dem BWZT in Wattwil. (Bild: Urs Huwyler)

Das Unfallauto eines 21jährigen Rasers steht als Mahnmal vor dem BWZT in Wattwil. (Bild: Urs Huwyler)

«Es kann immer etwas passieren.» Der Satz wirkt in der BWZ-Aula beim todernsten Thema fast banal. Zwei Transparente erinnern daran, dass täglich ein Mensch im Strassenverkehr stirbt und 14 Menschen schwer verletzt werden. Aber der Satz drückt aus, worum es in der Sonderwoche geht. Jonas Bösiger, einer der Moderatoren der Strassenopferhilfe Road Cross und der St. Galler Polizeibeamte Roland Zehntner (Gruppenchef Mobile Polizei Schmerikon) wollen den im zweiten oder dritten Lehrjahr stehenden Berufsleuten aufzeigen, worauf sie achten sollten, damit wenig passiert.

Mehrfache Belastung

«Es gibt nach einem Unfall kein Zurück.» Ein Satz, der bei Verkehrsteilnehmern – Fussgänger auf Zebrastreifen gehören auch dazu – immer präsent sein sollte. Geschwindigkeit, Müdigkeit, Alkohol, Drogen, Stress, Ärger, Handy, Navigationssystem, laute Musik, Lärm durch Mitfahrer, Essen und Trinken oder Insekten gehören zu den durch Eigenverantwortung weitgehend eliminierbaren Risikofaktoren. Eine Konzentrationslücke von einer Sekunde entspreche bei 50 Stundenkilometern rund 15 Metern Weg, zeigen die Fachleute auf.

Jonas Bösiger und Roland Zehnter beschreiben Ereignisse aus ihrer Praxis, zeigen Bilder, Videos, die schockieren, aufrütteln und für Kopfschütteln sorgen. «Muss sich auch der Beifahrer einen Vorwurf gefallen lassen?», wird diskutiert. Einen Menschen durch eigenes Fehlverhalten schwer verletzt, getötet zu haben, kann ein Leben lang psychisch belastend sein. Vielleicht sogar juristisch und finanziell. Sandro hat 15 Jahre monatlich 1500 Franken abgestottert, weil ihm bei einem Auffahrunfall (ohne Todesfolge) Cannabis nachgewiesen werden konnte. 20 Prozent (273 000 Franken) der Gesamtkosten musste er selbst übernehmen.

«Sie wollen imponieren», sagt ein Lernender beim Aspekt «Ursachenforschung», wieso Jugendliche und Männer bis 25 Jahre das grösste Gefahrenpotenzial darstellen. 2010 kamen im Kanton St. Gallen 14 Menschen (elf Männer und drei Frauen) bei Verkehrsunfällen ums Leben. Sechsmal wegen übersetzter Geschwindigkeit, fünfmal war Alkohol im Spiel. Die Lernenden können nachvollziehen, weshalb Tempo 30 wenig Zeitverlust und viel Sicherheit (für Kinder) bringt. Bei einem Unfall mit 30 Stundenkilometern betragen die Überlebenschancen 90 Prozent. Bei Tempo 50 noch 30 Prozent.

Selbstüberschätzung

«Unfälle passieren immer unerwartet», betont der Moderator. Die Lernenden und Lehrer des BWZT werden sich ohne Sensationslust und moralischem Zeigefinger der Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung bewusst. 90 Minuten lang herrscht gespannte Ruhe. Einmal schreien einige wie vom Auto getroffen auf. In einem Film hat ein Automobilist einen Motorradfahrer übersehen. Der Crash dauert keine Sekunde. Wie jener bei Tempo 50. Der nicht angeschnallte Mitfahrer im Rückraum knallt bei der Kollision auf den Beifahrer.

Zum dritten Mal führen die Wattwiler eine Sonderwoche mit «Road Cross» und der Polizei durch. «Wir wollen unsere Lernenden sensibilisieren. Alle sollen mit der Realität von Unfällen konfrontiert werden. Mit dem Zweijahresrhythmus ist dies gewährleistet», sagt BWZT-Prorektor Peter Egli. In den einzelnen Klassen wird das Thema vertieft, nächste Woche wird im Sport mit dem Rollstuhl trainiert. Auf dem Vorplatz ist zudem ein Unfallauto aufgestellt. Nicht als moderne Kunst, sondern Mahnmal.