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Die Jagd wandelt sich ständig

Köbi Rutz ist Präsident des 75 Jahre alten Jägervereins Toggenburg. Er äussert sich zu dem Spannungsfeld, in dem sich Jäger bewegen: Zwischen Luchs und Tierschutz, Aufgabe und Umsetzung, Jagd und Öffentlichkeitsarbeit.
Martina Signer
Jakob Rutz bei einer Treibjagd 2014. Er beobachtet und identifiziert das Wild präzise vor dem Schuss. (Bild: Luca Linder)

Jakob Rutz bei einer Treibjagd 2014. Er beobachtet und identifiziert das Wild präzise vor dem Schuss. (Bild: Luca Linder)

Herr Rutz, warum sind Sie Jäger geworden?

Köbi Rutz: Ich habe «chlapfartig» im Jahr 1978 entschieden, dass ich die Jagdprüfung absolvieren will. Ich habe die Natur immer geliebt. Von meinem Zuhause aus in der Nesslauer Laad konnte ich zudem oft morgens und abends Wildtiere beobachten. In meiner Familie war ich damals der einzige Jäger. Und als ich 1980 im Jagdrevier Stein aufgenommen wurde, war ich dort der einzige Jäger unter 70 Jahren.

Wie alt waren Sie?

Rutz: Mit 28 entschied ich, Jäger zu werden. Danach habe ich das sogenannte grüne Lehrjahr gemacht. Das heisst, ich ging mit auf die Jagd, um zu sehen, ob das wirklich etwas für mich ist. Mit 30 hatte ich die Jagdprüfung erfolgreich absolviert. In diesem Jahr schoss ich auch das erste Wildtier.

Können Sie sich daran noch erinnern?

Rutz: Ja, sehr gut sogar. Es war am 4. August 1980 etwa um 21 Uhr in der Häderen. Ich hatte ganze 16 Stunden lang in einer Position ausgeharrt, bevor der Hirsch in Schussposition kam. Der damalige Jagdobmann hat mich nicht sehr ernst genommen, als ich gesagt habe, ich gehe jetzt einen Hirsch jagen. Damals gab es noch viel weniger Hirsche als heute. So viele Stunden habe ich seit damals nie mehr ausgeharrt, aber es hat sich gelohnt. Die Trophäe habe ich heute noch, es ist ein ganz seltenes Geweih.

Wie wird man während der Jagdprüfung darauf vorbereitet, dass man ein Tier töten muss?

Rutz: Man absolviert im Kanton St. Gallen eine sehr gute Ausbildung. Ich würde sogar behaupten, eine der besten in der Schweiz. Ich kann das beurteilen, da ich seit 20 Jahren Prüfungsexperte bin. Die Ausbildung ist in fünf Felder gegliedert: Wildkunde, Jagdkunde, Gesetzeskunde, Hunde und Waffen. Teile davon, wie das Ausweiden, werden auch praktisch geübt. Schiessen tut man in der Ausbildung aber nur in einem Schiessstand. Der risikofreie Umgang mit der Waffe liegt dabei im Fokus.

Was ist es für ein Gefühl, wenn man das erste Mal ein Tier tötet?

Rutz: Das lässt sich gar nicht so einfach beschreiben. Was dabei in einem vorgeht, geht bestimmt auf den Urinstinkt der Menschen als Jäger zurück. Wenn das Tier beim Ansprechen (präzises Beobachten und Identifizierung des Wildes vor dem Schuss. Anm. d. Redaktion) nicht optimal dasteht, kommt sicher auch oft Nervosität ins Spiel. Bei mir kam das Zittern glücklicherweise immer erst nach dem Schuss, als die Anspannung weg war.

Man spürt Ihre Faszination für die Jagd. Doch Jäger haben auch oft mit dem Vorurteil zu kämpfen, sie würden nur aus Spass töten. Was entgegnen Sie darauf?

Rutz: Es ist natürlich Fakt, dass wir zur Jagd gehen, um ein Wildtier zu erlegen. Ob man das nun gerne hört oder nicht. Doch mit wie vielen Aufgaben, Vorschriften und Gesetzen die Jagd verbunden ist, wissen die wenigsten, die solche Vorurteile hegen. Wir regulieren den Wildbestand, wo dies nötig ist, und greifen auch bei Krankheiten ein. Dies sind nur zwei von ganz vielen wichtigen Aufgaben, welche die Jäger wahrnehmen.

Würde sich der Wildbestand durch Luchs, Wolf und Co. nicht ganz natürlich regulieren?

Rutz: Die Regulierung durch die Jagd geht ganz anders über die Bühne. Wir haben Vorschriften über Vorschriften, die wir befolgen. Der Luchs – von dem wir im Obertoggenburg übrigens eine Überpopulation haben – schert sich nicht darum, ob eine Geiss gerade frisch geworfen hat. Wenn er diese Geiss reisst, tötet er damit auch ihre Jungen. In diesem Zusammenhang habe ich schon schreckliche Szenen beobachtet. An der letztjährigen Hauptversammlung gab mir in Sachen Überpopulation des Luchses auch Regierungsrat Beni Würth recht.

Das heisst, Sie haben weniger zu tun.

Rutz: Das ist richtig. Doch die Population des Luchses hat bei uns ein ungesundes Ausmass angenommen. Rehe haben wir in meinem Jagdrevier nur noch etwa halb so viele wie vor der Ansiedlung des Luchses vor 20 Jahren. Wobei da bestimmt nicht nur der Luchs daran schuld ist, sondern auch andere Faktoren. Auch die Waldgemsen werden vom Luchs gejagt. Diese sind fast verschwunden. Die Lösung für diese Probleme sehe ich nur in Form einer Reduktion der Luchspopulation.

Am kommenden Samstag findet die 75. Hauptversammlung des Jägervereins Toggenburg statt, den Sie präsidieren. Wie hat sich die Jagd in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Rutz: Der Jäger musste sich stets an ein sich änderndes Umfeld anpassen. Nicht nur an den Luchs. Auch daran, dass das Wild immer scheuer wurde. Dies auch wegen der Menschen, die immer mehr in den Ruheraum des Wildes eingreifen. Beim Sport beispielsweise kann es einigen Leuten nicht weit genug ab vom Schuss sein, was das Wild dazu bewegt, sich immer weiter zurückzuziehen. Das wiederum fördert die Konzentration der Wildpopulation an einigen wenigen Orten, die dann natürlich mit Wildschäden zu kämpfen haben. Wobei nicht vergessen werden darf, dass die Jagd an sich auch eine gewisse Störung darstellt. Wir müssen zudem – im Gegensatz zu früher – mehr für die Akzeptanz der Jäger in der Bevölkerung tun. Das bedeutet mehr Öffentlichkeitsarbeit nebst der Jagd. Der Umgang mit der nichtjagenden Bevölkerung wurde unterdessen auch zum Bestandteil der Ausbildung.

Wie sehen Sie die Zukunft der Jagd?

Rutz: Die Jagd wird sicher weiterhin bestehen. Einfach in einer sich stets ändernden Form. Man muss sich mit weniger Beute auseinandersetzen, wogegen der zeitliche Aufwand dafür um ein Zehnfaches höher ist als früher. Es braucht schon einen gewissen Idealismus, um heute noch jagen zu gehen.

Wie sieht es mit weiblichen Jägern aus. Gibt es viele davon?

Rutz: Wir stellen fest, dass es immer mehr werden. Natürlich noch wesentlich weniger, als es männliche Jäger gibt. Dieses Jahr haben sich über den Kanton verteilt ungefähr fünf oder sechs Frauen für die Jagdprüfung angemeldet. 1980 sah man weit und breit keine Frauen in der Jagd.

Gibt es auch Anmeldungen von Frauen aus dem Toggenburg?

Rutz: Da bin ich überfragt. Ich kenne aber einige Frauen, die aktiv als Jägerinnen im Toggenburg tätig sind.

Jagen Frauen anders als Männer?

Rutz: Frauen sind wahrscheinlich etwas besonnener bei der Jagd als Männer. Und ich glaube, Frauen sind in Sachen Öffentlichkeitsarbeit erfolgreicher und bestimmt diplomatischer als wir. Was ich aber weiss, ist, dass Frauen mindestens so gut jagen wie Männer. Vielleicht deswegen, weil sie wissen, dass sie sich in einer Männerdomäne behaupten müssen. Nach der Anmeldung der ersten beiden Frauen für die Jagdprüfung waren wir auf das Ergebnis sehr gespannt. Eine von ihnen legte damals die beste Prüfung des Jahrgangs ab.

Anfang Mai fängt die Jagdsaison an. Sie dauert bis Mitte Dezember. Wird es in dieser Zeit gefährlich im Wald?

Rutz: Nein, absolut nicht. Das ist ein Vorurteil. In der Ausbildung wird man so geschult, dass möglichst wenige Jagdunfälle geschehen. Alle Jäger wissen, dass nach dem Ansprechen die Distanz zum Tier stimmen muss, bevor sie schiessen. Und auch der Hintergrund spielt eine wichtige Rolle. Jäger schiessen nur dann, wenn sie zu 100 Prozent sicher sein können, dass sich hinter ihrem Ziel niemand befindet. Aber gefeit ist man vor einem Jagdunfall natürlich trotzdem nicht.

Gibt es auch Prüfungen in Sachen Schusssicherheit für ältere Jäger?

Rutz: Gerade im letzten Jahr haben wir eingeführt, dass man jedes Jahr einen Schiessnachweis erbringen muss. Egal, ob man 18 oder 75 Jahre alt ist.

Köbi Rutz Präsident des Jägervereins Toggenburg (Bild: Martina Signer)

Köbi Rutz Präsident des Jägervereins Toggenburg (Bild: Martina Signer)

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