Die imaginäre Schlange im WC

«Eine Reise nach Südafrika, das ist es!», dachte ich mir vor einem halben Jahr und buchte an einem Samstagmittag meinen knapp vierwöchigen Aufenthalt auf der anderen Seite der Erdkugel.

Stephanie Sonderegger
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Bild: Stephanie Sonderegger

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«Eine Reise nach Südafrika, das ist es!», dachte ich mir vor einem halben Jahr und buchte an einem Samstagmittag meinen knapp vierwöchigen Aufenthalt auf der anderen Seite der Erdkugel. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits die Giraffen durch die Steppe schreiten und die Löwen im Schatten der Bäume liegen.

Nur etwas hatte ich da ausser Acht gelassen. «Abends braucht ihr eine Taschenlampe und geschlossene Schuhe für draussen», sagte Vusi, der Manager unserer Busch Lodge. «Es gibt giftige Spinnen, Skorpione und Schlangen.» Ich schluckte leer. Diese Viecher hatte ich komplett vergessen – oder zumindest gut verdrängt. Und das aus einem guten Grund: Seit meiner Kindheit habe ich einen riesigen Ekel vor Schlangen. Es reicht bereits eine Blindschleiche, um mich in einen nachhaltigen Schockzustand zu versetzen. Eine Begegnung mit einer drei bis vier Meter langen Mamba wollte ich mir da gar nicht erst ausmalen.

Um das zu vermeiden, trafen meine Bettnachbarin und ich – ebenfalls Schlangen-Phobikerin – bei jedem Zimmerbezug Vorkehrungen: Fortan wurde abends jede Ecke ausgeleuchtet und begutachtet, um sicherzugehen, dass wir unter uns waren. Im Bad galt es ausserdem, vor jedem Gang zum stillen Örtchen die WC-Schüssel zu überprüfen. Dabei erwies sich meine Bettnachbarin als besonders kreativ. So trat sie erst mit dem Fuss gegen die Schüssel, damit Vibrationen entstanden, danach spülte sie. Dann öffnete sie den WC-Deckel und warf einen letzten Kontrollblick hinein. Nur so wagte sie es, sich auf die WC-Brille zu setzen.

Ein Trick, den ich irgendwann übernommen habe. Und noch schlimmer: Ein Trick, den ich nicht mehr wegbekomme. Sollten sie beim nächsten WC-Besuch also etwas klopfen hören, könnte es durchaus sein, dass ich neben Ihnen imaginäre Schlangen vertreibe. Schliesslich könnte es ja sein, dass sich eine Mamba … äh … eine Blindschleiche in meine WC-Schüssel verirrt hat. Man weiss ja nie…