Die Höhlen Noahs

Von Zeit zu Zeit kommen seltsam finstere Daseins-Entwürfe in die Bücherläden (vielleicht auch in Gemeindebibliotheken). Sie machen da Furore und verschwinden dann wieder aus den Regalen – verschwinden in die Bucharchive oder Privatbibliotheken.

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Von Zeit zu Zeit kommen seltsam finstere Daseins-Entwürfe in die Bücherläden (vielleicht auch in Gemeindebibliotheken). Sie machen da Furore und verschwinden dann wieder aus den Regalen – verschwinden in die Bucharchive oder Privatbibliotheken. Eigenartig daran: der Markt ist doch nie recht satt; Marlen Haushofers Roman «Die Wand» ist wieder und wieder herausgegeben worden, 1963 erstmals erschienen, 1968 und 1983 wiederaufgelegt und seither mehrmals neu ediert worden, so als wäre die Leserschaft, was Untergangsszenarien betrifft, nicht launisch, sondern bloss vergesslich.

Liegt unser kurzes Gedächtnis am Ende nur daran, dass wir uns nicht gerne Angst machen lassen? In aller Regel suchen wir doch den Kitzel, gieren nach – allerdings erfundenen – Schrecken, muten uns die Anschauung von Horror und den Konsum endzeitlichen Geschehens gar gerne zu. Insbesondere dann, wenn das katastrophal Fürchterliche im Irgend- oder Nirgendland passiert – wenn der Thriller utopisch ist oder die Apokalypse in der Zukunft spielt.

In den Büchern, auf die ich hinweisen will, liegt die Eklipse oder Katastrophe allerdings immer schon in der Vergangenheit. Die Romanfiguren sind meist einsam Überlebende (man erinnere sich an Robinson). Sie haben ein schweres individuelles Geschick oder einen kollektiven Untergang hinter sich und müssen oder sollten ein extremes Dasein meistern. Im süsslichen Fall resultiert eine Existenz in einer Art Garten Eden, im Schlaraffenland, in Arkadien oder Wolkenkuckucksheim; ist die Geschichte endzeitlich angelegt, so geht Held oder Heldin unter. Zukunftsroman mit der Vision ewigen Friedens oder Weltuntergang mit Rückbau des Schöpfungsgedankens...

Zukunfts-Entwurf

1950 ist in Zürich Rudolf Schotts Roman erschienen, den man unters Motto «im Jahr 449 nach dem grossen Blitz» stellen dürfte. Bevor ein mustergültiges Staatswesen entstehen und auf Dauer angelegt sein kann, muss sich ein überindividueller Untergang ereignen. Krieg, Chaos, Wahnsinn – dann die Bombe, der Lichtschlag, ein kontinentweites Beben, dann Nacht. Im tiefsten Kellergewölbe einer klösterlichen Anlage kann einer überleben. Dank weitsichtig angelegter (heute sagt man:) «Ressourcen» ist Fortexistenz gesichert. Überbliebe kein Ich, so könnte ja keiner Zukunft erzählen – und schon gar nicht glücklich gestaltete mit traumhaft friedlicher Koexistenz aller Geschöpfe. – Der Buchtitel lautet «Die Inseln des Domes» (Origo-Verlag).

Mit dem erwähnten Trick der vorausschauend plazierten Überlebensmittel (Zündhölzchen z. B.), ausserdem mit Beigabe der richtigen Säugetiere, verfährt auch Marlen Haushofer in der «Wand». Eine wieder eher politische als elementare Macht hat alles Lebendige in Totenstarre versetzt. Eine Frau richtet sich diesseits einer Wand bzw. unter einer Schutz bietenden Kuppel ein – wie weiland Robinson auf seiner Insel. Zukunft hängt ab davon, ob Mensch und Haustier Geschlechtspartner finden, ob also die Fortpflanzung der Geschöpfe gelinge, welche die Welt massgeblich fortgestalten. Tritt der Mann auf als Töter, so ist ein apokalyptisches Ende zu mutmassen.

Mit einer Apokalypse, einer Auslöschung, endet 1984 Rolf Arnold Müller seinen Roman «Der letzte Held» (Zürich: Edition Kürz). Es ist eine Selbstauslöschung, und zwar nach der wissenschaftlich inszenierten Einsamkeit eines Familienvaters in einer Zentralschweizer Höhlenanlage. Nach dem sechs Monate sich ziehenden unterirdischen Aufenthalt (Buchhälfte «Drinnen») findet der Held die recht für recht nur provisorisch verlassene Welt des Schweizer – und umliegend europäischen – Mittellandes vernichtet vor. Alles Lebendige ist definitiv ausgelöscht; im «Draussen» stellen sich keine Fragen mehr nach Daseins-Sinn und Fortzeugung – das Sich-fallen-lassen des Helden über die Brüstung des Üetlibergturms ist konsequent und passt zum Wüten des Weltenbrands.

Noch eine Höhlen-Existenz

In Hannelore Valencaks Roman ist die Problematik geschlechtlicher Fortsetzung, welche Zukunft stiften würde, komplexer. Das liegt daran, dass in die «Höhlen Noahs» (Höhlen, nicht Arche!) eine Gruppe von Fliehenden gerät.

Flüchtlinge, welche nach Bombardements dem Feuerinferno und insgesamt zerstörten Lebensgrundlagen entkommen sind und in einem Hochtal ein Réduit finden. Nebst einem schwierigen Alten, nebst dessen Enkelin namens Luise und einer Magd fristen unterschiedlich lange ein junger Retter, eine mannbare Frau und deren anfänglich noch knabenhafter Bruder archaisches Leben im Gebirge: als Sammler und als Hüterinnen von Herden.

Nachdem ein Verhältnis zwischen Retter und Protagonistin vom Alten hintertrieben ist, bleiben für eine menschenfruchtbringende Beziehung nur noch Schwester und Bruder, Martina und Georg. Valencak schildert das Zusammen-Kommen der beiden wie auch das Schuldbewusstsein darnach wenn nicht unnachahmlich, so doch tief berührend. Wie bei Haushofer – aber Valencaks Buch ist zwei Jahre vor der «Wand» erschienen – ist einer der Männer ein Töter (ein «Kain»); wie bei der Zeitgenossin büsst Valencaks Alter mit dem Leben. Vom Zeitpunkt an, wo auch Martina aus dem Roman fällt (es ist beinah der Buchschluss), obliegt es der Leserin, für Georg, für sein und seiner Schwester Kind und für die bisher geschlechtslose Luise ein Fortleben zu imaginieren.

Rainer Stöckli,

Gemeindebibliothek Reute

Valencak, Hannelore: Die Höhlen Noahs. Roman. – St. Pölten: Residenz Verlag, 2012. (ISBN 978-3-7017-1582-4) CHF 33.90 Ausleihbar in Ihrer Bibliothek. Buchtips nachzulesen unter www.biblioapp.ch