Die Herkunft der Silvesterchläuse

Im Ausserrhoder Hinterland wird der Brauch des Silvesterchlausens seit Jahrhunderten gepflegt. Unzählige Stunden stecken die Schuppel der «Schöne» in die Erstellung ihrer Hauben und Hüte. Der genaue Ursprung des Brauchs bleibt schleierhaft.

Stephanie Sonderegger
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Oft werden mehrere tausend Arbeitsstunden in die aufwendigen Hauben und Hüte gesteckt. (Bild: bei)

Oft werden mehrere tausend Arbeitsstunden in die aufwendigen Hauben und Hüte gesteckt. (Bild: bei)

AUSSERRHODEN. Es ist ein früher Silvestermorgen. Der Klang von Schellen durchdringt die winterliche Dämmerung. Nur die Umrisse von sechs Gestalten sind aus der Ferne zu erkennen. Sie tragen schwere Glocken und grossen Kopfschmuck, deren detailgetreue Verzierungen nur zu erahnen sind. Auf einem Hof machen sie Halt. Sie überbringen Glückwünsche fürs neue Jahr. Dann erklingen Stimmen zu einem Naturjodel, dem «Zäuerli».

Verbindung zu Nikolaus

Das Silvesterchlausen war nicht immer gerne gesehen. Eine der ersten Erwähnungen des Brauches ist in einer Beschwerdeschrift aus dem Jahr 1633 zu finden. Damals ist noch die Rede vom Chlausen während der Weihnachtszeit. 1774 wird in einer öffentlichen Verordnung erstmals das «Neu Jahr» und das Verkleiden zur Sprache gebracht und der Akt des Chlausens verboten. Auch in der Appenzeller Zeitung waren Berichterstattungen zu finden – meist negativer Art. Das schlechte Image kam nicht zuletzt von den so genannten «Bettelchläusen», die den Brauch nutzten, um Geld zu sammeln. Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die ersten schönen Chläuse, die mit ihrer Verkleidung, dem «Groscht», auf sich aufmerksam machten. Auf Akzeptanz und verstärktes Interesse stiess das Chlausen schliesslich Anfang des 20. Jahrhunderts, wobei der Brauch in einigen Jahren wegen Epidemien ausfiel.

Rätselhafter Ursprung

Im Vordergrund des Silvesterchlausens steht das Überbringen von guten Wünschen zum neuen Jahr. Der genaue Ursprung des alten Brauches bleibt rätselhaft. Einerseits ist von heidnischen Einflüssen die Rede, vom Vertreiben des Winters und dem Aufrufen von positiven Geistern, andrerseits wird das Klausen mit Fasnacht und Fruchtbarkeitsriten in Verbindung gebracht.

Heute wird davon ausgegangen, dass das Chlausen einen Bezug zu den Nikolaus-Bräuchen der Klosterschulen in Frankreich hat. Im 14. Jahrhundert durften dort die Kinder für einen Tag einen Nikolaus-Bischof wählen. Das Fest wurde oft für Streiche missbraucht. In den Geschichtsbüchern wird auch von Masken und Verkleidungen gesprochen – ähnlich der damals populär werdenden Fasnacht. Das unerkannte Austoben war dabei Anreiz für viele junge Männer in einer Zeit, in der die Kirche als wichtigste Instanz galt.

Das heutige Chlausen-Fieber

Während der Brauch zwischenzeitlich abflaute, herrschte in den vergangenen Jahrzehnten wieder das «Chlausen-Fieber». So ist aus dem urtümlichen Brauch eine einzigartige Attraktion geworden, die jährlich unzählige Touristen anlockt. Um die 50 «Schuppel» ziehen von Haus zu Haus und überbringen gute Wünsche. Es sind die «Schöne» mit ihren filigran geschmückten Hüten und Hauben, deren Erstellung zahlreiche Stunden Arbeit kostet, die «Wüeschte» mit ihren furchterregenden Larven und die «Schö-Wüeschte», die ihre naturbelassenen Werke präsentieren. Es ist ein Brauch, der für Aufmerksamkeit sorgt – nicht zuletzt durch das inzwischen grosse Interesse der Medien. Dennoch bleibt der genaue Ursprung des Brauches schleierhaft.

Quellen: Silvesterkläuse in Urnäsch, 1984, VGS; Silvesterchlausen, 1999, Appenzeller Verlag

Das Chlausen kämpfte viele Jahrzehnte mit Verboten. (Bild: bei)

Das Chlausen kämpfte viele Jahrzehnte mit Verboten. (Bild: bei)

Die heutigen «Schönen» zeichnen sich durch den detailgetreuen und handgemachten Kopfschmuck aus. (Bild: bei)

Die heutigen «Schönen» zeichnen sich durch den detailgetreuen und handgemachten Kopfschmuck aus. (Bild: bei)

1937 machte ein Schuppel die Schwägalp und die Säntisbahn zum Thema. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)

1937 machte ein Schuppel die Schwägalp und die Säntisbahn zum Thema. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)

Um 1900 waren Larven noch nicht üblich bei den Kläusen. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)

Um 1900 waren Larven noch nicht üblich bei den Kläusen. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)

Um 1912 wurden die Hüte mit Blumen und ganzen Bauwerken verziert. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)

Um 1912 wurden die Hüte mit Blumen und ganzen Bauwerken verziert. (Bild: aus «Silvesterkläuse in Urnäsch», 1984 VGS)