Wolfhäldler Autorin schreibt erstes Spitex-Buch der Schweiz: Die Helfer im Hintergrund

Pascale Gmür aus Wolfhalden beleuchtet in ihrem Buch den vielschichtigen Arbeitsalltag von Spitex-Mitarbeitenden. Am Donnerstag ist sie in Heiden zu Gast.

Jesko Calderara
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Pascale Gmür (Mitte) mit Cécile Küng (links) und Monika Niederer von der Spitex Vorderland.                                                                                                            Foto: Lisa Jenny

Pascale Gmür (Mitte) mit Cécile Küng (links) und Monika Niederer von der Spitex Vorderland.                                                                                                            Foto: Lisa Jenny

Die eigenen Eltern sind krank und benötigen Hilfe, die Angehörigen fühlen sich jedoch in ihrer Rolle überfordert: Nicht selten kommt in solchen Situationen die Spitex ins Spiel. So erging es auch Pascale Gmür. Die aus Wolfhalden stammende und seit Jahrzehnten in Zürich lebende Autorin sowie Journalistin hat über die Arbeit der Spitex ein Buch geschrieben. Übermorgen Donnerstag stellt sie «Puzzeln mit Ananas. Menschen der Spitex erzählen» um 19 Uhr im Hotel Linde in Heiden vor. Organisiert wird dieser Anlass durch die Spitex Vorderland.

Mit der Nonprofit-Organisation der spitalexternen Pflege hatte Gmür lange Zeit nur wenig am Hut. Auch konnte sie sich nicht vorstellen, jemals die Eltern zu pflegen, wie sie bereits im Vorwort offen zugibt. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als die Mutter an Alzheimer erkrankte und der Vater an Krebs. In dieser schwierigen Zeit erfuhr Gmür, wie wertvoll die Spitexarbeit ist. Dadurch konnte ihr Vater, der auf keinen Fall ins Spital wollte, zu Hause gepflegt werden.

Die Spitex hat mehr Angestellte als die SBB

Noch heute, Jahre nach dem Tod der Eltern, ist im Gespräch mit Pascale Gmür Dankbarkeit über die Unterstützung der Spitex Vorderland zu spüren. «Ich war Teil eines Teams und plötzlich nicht mehr alleine für meine Eltern verantwortlich», sagt sie. Eine gute Erfahrung sei dies gewesen, dadurch habe sie innere Widerstände abbauen und ihren sterbenden Vater und später die Mutter betreuen können.

In ihrem Buch geht es Pascale Gmür nun allerdings nicht darum, diese persönlichen Erlebnisse zu verarbeiten. Vielmehr will sie eine Diskussion anregen, den schweizweit Tausenden Spitex-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern, die tagtäglich fernab des Scheinwerferlichts Unverzichtbares tun, eine Stimme geben und Denkanstösse vermitteln. Diesbezüglich sieht sie Nachholbedarf, weniger in der Bevölkerung, als bei den politischen Entscheidungsträgern. «Die Spitex geniesst in der Politik zu wenig Wertschätzung», sagt Gmür. Dies erstaunt angesichts deren Bedeutung. Eindrücklich sind nur schon die Zahlen, welche im ersten Kapitel genannt werden. Demnach arbeiten mehr Frauen und Männer für die spitalexterne Pflegeorganisation als beispielsweise für die SBB. Insgesamt sind es in der Schweiz 39000, während die Bundesbahnen 32 000 Personen beschäftigen. «Die mangelnde politische Wertschätzung kommt wohl daher, dass Politiker zu wenig Bescheid wissen, was die Spitex alles tut, damit kranke Menschen jeden Alters zu Hause leben können», sagt Cécile Küng, Regionsleiterin der Spitex Vorderland. Zwar gebe es einen nationalen Dachverband, dieser werde aber im Vergleich zu den Krankenkassen, Spitälern oder Ärzten weniger wahrgenommen, ergänzt Gmür. Dabei haben Änderungen der politischen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen direkt Auswirkungen auf die Spitex. So kündigte beispielsweise das Eidgenössische Departement des Inneren von Bundesrat Alain Berset im Sommer an, die Krankenkassenbeiträge für die ambulante Pflege um 3,6 Prozent zu senken. Dabei wird gemäss Gmür ausgerechnet in einem Bereich gespart, der nur ungefähr zwei Prozent der Gesundheitskosten verursacht und wo bereits kostensparend gearbeitet wird. Auswirkungen für die Spitex hatte auch die Einführung der Fallpauschalen für stationäre Spitalleistungen. Die Folge: Patienten werden früher entlassen, der Bedarf an ambulanten Pflegeleistungen ist dementsprechend höher. Dadurch würden die Anforderungen steigen, weil man mit komplexeren Krankheitsbildern konfrontiert sei, sagt Monika Niederer, Geschäftsleiterin der Spitex Vorderland. «Dies macht den Pflegeberuf aber auch abwechslungsreich.»

Persönliche Erlebnisse fliessen ins Buch ein

Im schön gestalteten Buch erzählen Spitex-Mitarbeitende offen über ihre Tätigkeit, bei der sie tagtäglich mit existenziellen Themen wie Würde, Autonomie und Sterben konfrontiert sind. Dadurch erhalten die Leserinnen und Leser einen authentischen Einblick in den Arbeitsalltag dieser Frauen und Männer und erfahren, was diese bewegt, den Beruf auszuüben. Gmür stellt verschiedene Spitex-Mitarbeitende aus der ganzen Schweiz vor – von der Pflegeexpertin über die hauswirtschaftliche Mitarbeiterin bis zu zwei Lernenden. Die Porträts  wechseln sich ab mit thematischen Kapiteln zu Aspekten wie selbständiges Wohnen, Würde und Selbstbestimmung, Demenz, betreuende und pflegende Angehörige, Palliative Care, Abschied nehmen sowie Grenzen der Spitexleistungen. Jedes Kapitel beginnt mit einer persönlich erlebten Geschichte der Autorin.