Die Gulden des Zaren

Toggenburger Adventskalender – Folge 15

Monika Rösinger
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Ida trottete missmutig hinter ihrer Familie ins Haus. Jeden Sonntag las der Pfarrer seiner Gemeinde die Leviten. Schon seit Monaten. Die Erwachsenen sollten mehr beten und sich mehr an die Gebote halten. Die Kinder seien verwildert und ohne Respekt, sie würden stehlen und fluchen, statt sich der göttlichen Ordnung zu beugen. Das böse Hungerjahr 1817 sei die Strafe Gottes.

Was hatte sie mit schlechtem Wetter zu tun, fragte sich Ida. Was konnte sie dafür, dass es dieses Jahr keinen Sommer gegeben hatte?! Auf einen nassen, kalten Frühling war eine Art Frühherbst gefolgt. Das Gras verfaulte auf den Wiesen. Kartoffeln, Kohl und Räben blieben klein und verkamen in der Nässe. Das Korn auf dem schmalen Ackerstreifen war vor der Blüte verfault, nicht einmal als Streue konnte man es brauchen. Schon lange vor dem Advent hatte es zu schneien begonnen. Das ganze Haus war feucht, sogar in Vaters Schmiede kroch grauer und grüner Schimmel die Mauern hoch.

Die meisten Leute im Städtli waren beinmager geworden, ihre Gesichter grau und ausgemergelt. Sie assen Gras, Moos und Mehl aus Baumrinden, davon wurden sie krank und elend. Das Totenglöcklein läutete oft. Kinder, Alte, ja selbst Männer und Frauen im besten Alter raffte der Tod mit seiner Hungerfratze dahin.

Idas Mutter kannte viele essbare Pflanzen. Gundelrebe, Vogelmiere, wilde Zwiebeln. Die Kräuter nährten zwar kaum, aber man wurde wenigstens nicht krank davon. Jetzt im Winter waren es Flechten und Wurzeln, Mutter zauberte immer etwas in den Topf. Heute hatte die Mutter schon vor dem Kirchgang eine Suppe aufgesetzt. Der Vater hatte gestern von einem Gang zu einem Kunden ein kleines totes Tier nach Hause gebracht. Die Mutter hatte es verarbeitet. Jetzt verbreitete das Suppenfleisch einen wunderbaren Duft, heute würden sie alle wieder einmal satt werden.

«Zar Alexander von Russland schickt dem Städtli viele hundert Gulden, wir werden Getreide kaufen können. An Weihnachten wird Mutter Brot und vielleicht sogar einen Kuchen backen», berichtete jetzt der Vater der staunenden Familie.

Ida hatte eine Idee. Mit einem russigen Stab aus der Schmiede zeichnete sie einen Palast an die Wand und darüber lauter runde Gulden. Aus dem Herdfeuer stoben Tausende goldener Funken und klebten sich an die russigen Gulden an der Wand. Es glitzerte und gleisste in der Küche.

Ein goldener Schweif stob durch den Kamin davon, durch den Winterhimmel ins Nachbardorf. Dort liess er sich bei einem Haus voller Bücher nieder.

Monika Rösinger

redaktion@toggenburgmedien.ch

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