Die gewonnene Zeit

Brosmete

Martin Hüsler
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Wer aus einem Amt scheidet, gewinnt zwar Freiraum, läuft aber auch Gefahr, mit der grossen Leere konfrontiert zu werden. Eine Aufgabe, die einen ausfüllte, ist weg. Man hat jetzt plötzlich viel mehr Zeit, mit der man möglicherweise nichts anzufangen weiss. Deshalb tut man gut daran, sich rechtzeitig Gedanken zu machen, wie dem Vakuum begegnet werden könnte.

Ich weiss, wovon ich rede beziehungsweise schreibe. Zehn Jahre lang oblag mir eine Funktion, die nun von jemand anderem versehen wird. Kaum je hatte ich wahrhaben wollen, dass jede Zeit einmal zu Ende geht. Stets hatte ich es versäumt, mich mit dem Nachher zu befassen. Ich verdrängte, was mich dringend hätte beschäftigen müssen: die Suche nach einem sinnvollen Ersatz für die nunmehr weggebrochene Verpflichtung. Immer hatte ich mir eingetrichtert, dass nicht sein darf, was jetzt eben doch ist. Das habe ich nun davon!

Sicher wollen Sie allmählich wissen, was mich denn dermassen umtreibt. Nun, es ist so, dass in der Sektion St. Gallen von Sportpress.ch zwei Revisoren ihres Amtes walten. Zur Erläuterung: Sportpress.ch ist die in regionale Sektionen aufgeteilte Vereinigung der Schweizer Sportjournalistinnen und -journalisten. An und für sich war ich nie Sportjournalist, habe mich aber gelegentlich auch auf diesem Feld umgetan und tue es hin und wieder ­immer noch. Insofern bin ich berechtigt, diesem erlauchten Kreis anzugehören. Und man hielt mich auch für geeignet, einer der beiden Revisoren zu werden. Einmal im Jahr walteten wir, um dem Vereinsrecht Genüge zu tun, unseres Amtes. Der Wahrheit halber darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass die Prüfung der höchst überschaubaren Rechnung maximal eine Viertelstunde in Anspruch nahm. Der Rest der Sitzung ging jeweils in Journalistentratsch auf. Auf die letzte Sektionshauptversammlung reichte ich im Sinne der Nachwuchsförderung meinen Rücktritt ein. An meiner Statt wurde ein jüngerer Kollege gewählt. Und jetzt ist da eben diese gewonnene Viertelstunde. Was mache ich denn nun mit ihr?

Martin Hüsler