Die gelbe Narzisse lockt und warnt

SPEERSPITZ Wie leuchtet sie in ihrem gelben Mantel so frisch am Rande des Wassers und strahlt den Vorbeiziehenden an. Mit ihrer Lebendigkeit zeigt sie uns auch ihre Fruchtbarkeit. Auch ihre Eitelkeit und ihr Egoismus zeichnen sie aus.

Christiana Sutter
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Bild: Christiana Sutter

Bild: Christiana Sutter

SPEERSPITZ

Wie leuchtet sie in ihrem gelben Mantel so frisch am Rande des Wassers und strahlt den Vorbeiziehenden an. Mit ihrer Lebendigkeit zeigt sie uns auch ihre Fruchtbarkeit. Auch ihre Eitelkeit und ihr Egoismus zeichnen sie aus. Sie fordert uns heraus und will uns zu verstehen geben, dass weniger manchmal eben doch ein bisschen mehr ist. Dies ein Einblick in eine Blume, die ihren Namen ihrer Blütezeit zu verdanken hat: die Osterglocke oder eben auch die Narzisse.

Sie hat mich angelockt. Schon fast verloren stand sie an einem steilen Bord am Rande der Thur. Stand, denn ich meinen Träumen habe ich seit dieser Begegnung schon ein paar Mal vernichtet. Seit ich von meiner Reha zurück bin, unternehme ich jeden Morgen einen zügigen Spaziergang und das selbstverständlich bei jedem Wetter. Frau ist ja wetterfest. Immer dabei ist mein iPhone, denn ich höre als Motivation beim Sport gerne meine Lieblingsmusik. Aber auch die Augen sind bei meinen Ausflügen wichtig. Wenn ich etwas Schönes sehe, dann muss ich ein Foto machen.

Bei strömendem Regen bin ich am ersten Sonntag des Wonnemonats Mai losgezogen. Mehrmals bin ich stehen geblieben und habe Fotos von kleinen Blumen – die man normalerweise übersehen könnte – geschossen. Blumen, deren Namen ich nicht kenne. Auf dem Heimweg bin ich dann bei einer Narzisse stehen geblieben. Sie strahlte mich in ihrem leuchtenden Gelb an, wie wenn sie sagen wollte: Komm, bleib stehen und mach ein Bild von mir. Ich bin dann wirklich stehen geblieben, die Böschung hinuntergestiegen und habe mich vor der Narzisse hingekniet. Ich habe die Narzisse ins richtige Licht gebracht und ein Foto geschossen. Beim Aufstehen verspürte ich einen stechenden Schmerz im Gesäss. Ich habe gezetert und geflucht. Das musste jetzt wirklich nicht sein – und das nur wegen dieser egozentrischen, narzisstischen Blume. Manchmal wäre weniger wirklich mehr. Hätte ich diese Blume nur nicht fotografiert!

@toggenburgmedien.ch

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