Die Frühpension winkt

In wenigen Wochen – in den Sommerferien – verschwinde ich in die Frühpension, tauche ein in die grosse Freiheit, in eine neue Lebensfülle. Endlich, mit meinen 64 Lebensjahren, ist es mir vergönnt, morgens so lange zu schlafen, wie ich will.

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In wenigen Wochen – in den Sommerferien – verschwinde ich in die Frühpension, tauche ein in die grosse Freiheit, in eine neue Lebensfülle. Endlich, mit meinen 64 Lebensjahren, ist es mir vergönnt, morgens so lange zu schlafen, wie ich will. Die Gestaltung meiner Tage gehört ganz mir (ohne Fremdbestimmungen!), nachts kann ich ungeniert so lange aufbleiben, wie es mir behagt. Ich kann so lange lesen, wie ich will, denn kein Wecker wird es wieder wagen, mich morgens aus den Träumen zu reissen. Für den Anfang meiner neuen Freiheit werde ich Hermann Hesses Gesamtwerk in zwanzig Bänden lesen, die drei Briefwechsel-Bände von Alfred Kubin mit Hermann Hesse, Reinhard Piper und Hans Fronius, ein paar Bücher von Jean-Paul Sartre, die ich noch nicht kenne, mich ins Gesamtwerk von André Gide stürzen, Marcel Prousts zehnbändige Suche nach der verlorenen Zeit zu Ende lesen, mich mit dem Werk des Psychoanalytikers, Philosophen und Sozialpsychologen Erich Fromm vertrauter machen (sein umfangreiches zwölfbändiges Gesamtwerk ist nicht mehr lange verstaubt), die Tagebücher von Julien Green und Anais Nin (zusammen 22 Bände, über 15 000 Seiten). Zu meinem eigenen Schreiben (ich publizierte bis jetzt fast hundert Bücher und Büchelchen) werde ich eine neue Intensität finden, wo ich meine Wirklichkeitswahrnehmungen so einfärben und formen, umschichten und neu zusammenfügen kann, wie es mir beliebt. Ich kann bis in den Morgen hinein Belcantoopern hören, wie es mir beliebt. Ich kann nachts mit meinem Freund auf der Staader Hafenmole sitzen, so lange wie es mir beliebt. Ich kann Nächte durchdiskutieren, wie es mir beliebt. Ich brauche keine Rücksicht mehr zu nehmen auf den Morgen, wo ich als Korrektor einigermassen ausgeschlafen sein müsste, um Kommafehler, Tippfehler, Akkusativfehler mit Rot anstreichen zu können. Ich verstehe nicht, was Pension heisst, ich verstehe lediglich, dass ich mein Restleben so gestalten kann, wie es mir behagt. Zum Schluss verrate ich noch, dass es zu meinen bevorzugten Grundwerten gehört, sich UNNÜTZ zu fühlen, dass ich in einer existenziellen Freiheit aufblühe, wenn man mich nicht braucht; ich halte mich gern fern von jeder Vernunft auf (die ja doch nur suspekt sein kann). Und jetzt werde ich tief aufatmen, durchatmen, Neues – sinnlich und geistig – ohne Verpflichtungen auf mich zukommen lassen. Ich danke allen, die sich über mich ärgerten oder sich mit mir freuten – ich erlebte beides als phantastisch.

Paul Gisi