Exotischer Strassenname in Herisau: Warum die Melonenstrasse so heisst

In der Nähe des Herisauer Bahnhofs liegt die Melonenstrasse. Der Name wirft seit jeher Fragen auf.

Yann Lengacher
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Die Melonenstrasse wurde um 1900 als Stichstrasse von der Gossauerstrasse aus angelegt.

Die Melonenstrasse wurde um 1900 als Stichstrasse von der Gossauerstrasse aus angelegt.

Bild: Yann Lengacher

Gewisse Strassen fügen sich mit ihrem Namen hervorragend ins Appenzellerland ein: Etwa die Alpsteinstrasse in Herisau, die Richtung Waldstatt führt. Und dann gibt es da die Melonenstrasse. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Exot. Wie kommt es, dass in Herisau eine Strasse nach einer Frucht benannt ist, die bei hiesigem Klima kaum wachsen würde?

Die Suche nach einer Antwort führt – natürlich – zur Melonenstrasse. Wo, wenn nicht dort, sollte sich eine Erklärung für deren Namensgebungen finden lassen? Ein Spaziergang in der rund 250 Meter langen 30er-Zone fällt zunächst ernüchternd aus: Äpfel, Tomaten, Him- und Brombeeren. In den Gärten der Anwohner wächst allerlei. Aber keine Melonen, trotz sommerlicher Temperaturen. Auf die Frage nach der Herkunft des Strassennamens gibt es dennoch eine erste Antwort. Ein Anwohner, dessen Vater bereits an der Melonenstrasse gewohnt hatte, sagt:

«Das hat man beim Bau des neuen Bahnhofareals so bestimmt. Aber wieso die Strasse so heisst, weiss ich nicht.»

Mit Ausnahmen von ein paar Jahren in Deutschland hat der Mann seit 1939 immer im Quartier in der Nähe des Herisauer Bahnhofs gewohnt.

Ein Strassenname, der für Verwunderung sorgt

Weitere Hinweise über die Herkunft des Strassennamens soll es beim Ausserrhoder Staatsarchiv geben. Dort heisst es auf Anfrage, dass man sich auch schon oft gefragt habe, warum die Melonenstrasse ihren Namen hat. Im Staatsarchiv gibt es Dokumente, die belegen, dass die Melonenstrasse im Rahmen der Erstellung des neuen Bahnhofareals entstanden ist. Der Anwohner hat also recht. Um 1900 legte man die Melonenstrasse als Stichstrasse von der Gossauerstrasse aus an. Die Untere Melonenstrasse folgte dann um 1910. Somit lässt sich auch ausschliessen, dass die Strasse ihren Namen trägt, weil das Kolonialwarengeschäft Tanner Melonen verkauft haben soll. Zum einen wurde die Strasse benannt, bevor das Geschäft, das heute als Appenzeller Kaffee und Dessert GmbH bekannt ist, sich dort niedergelassen hat. Zum anderen verkauft das Geschäft heute wie damals keine Melonen.

Schon kurz nach dem Bau der Melonenstrasse sorgt deren Name für Fragezeichen. So schreibt Walter Rotach im Jahr 1929 in seiner Gemeindegesichte von Herisau: «Mit mehr Recht als die Strasse der Melonen führt der Kreuzweg seinen Namen, da hier die stark befahrene Cilanderstrasse die ebenfalls verkehrsreiche Gossauerstrasse kreuzt.» Mittlerweile ist der Verkehr auch in der Melonenstrasse selbst ein Thema. «Ich muss regelmässig Leute darauf hinweisen, dass sie ihre Fahrzeuge nicht vor meiner Garage parkieren sollen. Und die Tempo-30-Zone wird teilweise kaum eingehalten», sagt der langjährige Anwohner, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte.

Auch St.Gallen hat eine «Melone»

Auch in der Stadt St.Gallen gibt es eine Melonenstrasse. Sie läuft mit der Teufener Strasse zusammen, die ins Riethüsli führt. Dass es namenstechnisch eine Verbindung zwischen der Herisauer und der St.Galler Melonenstrasse besteht, ist zu bezweifeln. Der Name der St.Galler Melonenstrasse geht wohl auf die frühere Flurbezeichnung «Melonenacker» zurück. Und ganz in der Nähe steht in der Stadt ein Gebäude, das einst als Melonenhof bekannt war. Sein Name erhielt es im Jahr 1810. Heute befindet sich eine Kindertagesstätte darin.

Die einzige plausible Erklärung, die sowohl den Namen der Herisauer als auch der St.Galler Melonenstrasse rechtfertigt, ist die Tatsache, dass um das Jahr 1900 Exotisches in Mode war. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es einen Trend zu orientalischen und exotischen Dingen, der sich beispielsweise auch in der Kunst äusserte.

Heute müsste Rotach seine Meinung zur Melonenstrasse vielleicht etwas anders formulieren. Trotz einer fehlenden Erklärung für die exakte Namensherkunft: Wer zur richtigen Zeit sucht, kann an der Herisauer Melonenstrasse die stark wasserhaltigen Früchte finden. «Wenn Melonen Saison haben, bieten wir sie im Win Vita an», sagt Marcel de Tomasi, der Geschäftsführer der Stiftung Tosam. Der Win Vita ist ein Lebensmittelgeschäft der Stiftung, in dem Armutsbetroffene günstig einkaufen können. Es liegt an der Melonenstrasse.


Hinweise gesucht

Kennen Sie eine glaubwürdige Geschichte die erklärt, weshalb die Melonenstrasse heisst, wie sie heisst? Dann teilen Sie uns diese per E-Mail an redaktion@appenzellerzeitung.ch mit. Den besten Hinweis wird die Redaktion grosszügig entlohnen; mit einer frischen Melone. (red)