Die Freiheit, zu leben

Was für eine Schelmiade, zu leben! Zu leben und zu denken und zu fühlen, was mir passt, was ich zu handeln gedenke, Menschen zu begegnen, Menschen mit polentafarbenem oder schlohweissem Haar, Leichtsinn und Fahrlässigkeiten anzuerkennen oder abzulehnen,

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

Was für eine Schelmiade, zu leben! Zu leben und zu denken und zu fühlen, was mir passt, was ich zu handeln gedenke, Menschen zu begegnen, Menschen mit polentafarbenem oder schlohweissem Haar, Leichtsinn und Fahrlässigkeiten anzuerkennen oder abzulehnen, Mottenschildläusen nachzujagen, nesselfrieslige Briefe zu schreiben, wichtige Briefe, die mir geschickt werden, in den Papierkorb zu werfen, die Hammondorgel zu spielen, in medias res zu gehen, wenn mir etwas nicht passt, was für eine Lust, in Freiheit zu leben, einkeimblättrige Blütenpflanzen zu züchten, virtuos formativ ein Bild zu malen, an einer Beerdigung zu lachen, Artigkeiten zu mauscheln, Butterbirnen zu schmausen, die Pflichten können einen Menschen unterhöhlen, doch lachen wir und watscheln ruhig weiter, so schlimm kann nichts sein, dass einem das Leben in Freiheit nicht mehr zulacht, wie liebe ich quirlständige, gefiederte Begegnungen, wo alles unklar ist, wo Ackerstiefmütterchen weisslichgelb und hellviolett winken, Chinesische Rotbauchunken mit ihren Schallblasen flöten, zu leben ist ein Fest, besonders wenn man alle Fremdbestimmungen über Bord geworfen hat, für Kontoauszüge nur noch Verachtung übrig hat, wenn man Rechnungen zum Anzünden der Pfeife benützt, mit einem Heilsarmeemitglied eine Flasche Rotwein trinkt, die Welt ist nicht so todlangweilig, wie es oft scheint, man muss nur die Radionachrichten abschalten (einen Fernseher habe ich sowieso nicht) und einen Roman aufschlagen, eine Biographie über einen Surrealisten lesen, eine Oper semiseria, ein Dramma per musica, von Gioacchino Rossini hören, in die Wolken blasen, wo ohne Zunehmen und Abnehmen menschlicher Geist verwirklicht wird, die Freiheit findet sich dort, ein schallend lautes Lachen ist wohl eines Meisters wert, es gibt, wenn's wichtig wird, keine Hoffnung, keine Furcht, die Freiheit zu leben, endet nicht mit dem Tod, denn es gibt keinen Tod, es gibt nur Verwandlungen, unbegrenztes Leben, das ist die grosse Freiheit, zu leben im herbstlichen Blätterniedergang, im Haschen nach Wind, im Singen der Bäume, in den Wellen des Meers, in einer existenziellen Begegnung mit sich selbst.