Die Flügel gestutzt

«Mit 59 Jahren ins Altersheim zu ziehen, obwohl man keine Pflege braucht, ist keine einfache Entscheidung. Ich hatte nicht die Kraft, mich um Vorurteile zu kümmern, nicht die Energie, mich gegen diesen Umzug zu wehren.

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«Mit 59 Jahren ins Altersheim zu ziehen, obwohl man keine Pflege braucht, ist keine einfache Entscheidung. Ich hatte nicht die Kraft, mich um Vorurteile zu kümmern, nicht die Energie, mich gegen diesen Umzug zu wehren. Klar war, dass ich nach zwei Rückenoperationen und der Diagnose Parkinson nicht mehr alleine wohnen konnte. Das Alterszentrum in Gais nahm mich auf, obwohl es keinen freien Platz gab. Ich wohnte zuerst im Ferienzimmer, dann bekam ich eine permanente Bleibe.

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Ich habe viel von der Welt gesehen und mir meine Reiseträume erfüllt. In Tansania habe ich zusammen mit meinem Partner mehrere Jahre gelebt. Die Zeit bleibt unvergesslich. Freiheit und Unabhängigkeit waren immer wichtig. Heute ist jeder Ausflug, jede Fahrt ins Dorf im voraus geplant. Zu Fuss kann ich kurze Strecken zurücklegen. An guten Tagen komme ich sogar etwas weiter. Mein Gang ist leicht schwankend. Manchmal schauen mich die Leute an und denken wohl: Was hat die schon wieder getrunken? Ich bin absolut nüchtern. Der schwankende Gang, die Gelenk- und Muskelblockaden sind Zeichen von Parkinson. Dazu kommen zitternde Hände und Mühe, Bewegungen zu kontrollieren. Mein Bewegungsradius ist kleiner geworden, wie bei einem Vogel, dem man die Flügel gestutzt hat.

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Vor zehn Jahren merkte ich, dass ich meinen Körper nicht mehr kontrollieren konnte. Die Finger zitterten, der Fuss gehorchte nicht mehr. Kurz darauf bekam ich die Diagnose Parkinson. Zuerst verleugnete ich die Krankheit, hoffte auf eine Fehldiagnose. Doch die Einschränkungen nahmen zu. Meine Bewegungen wurden zittriger und langsamer. Ich verlor meine Arbeit als Arbeitsagogin. Zur Krankheit und dem Jobverlust kamen die Scheidung und ein Wohnungswechsel hinzu. Ich verlor Säulen, die mein Leben bis anhin stützten. Die Zugehörigkeit kam mir abhanden.

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Mein Umfeld hat sich reduziert, symbolisch dafür stehen die Wohnungswechsel. Vom Haus in eine Wohnung in ein einzelnes Zimmer. Man muss achtgeben, sich nicht auch selbst zu reduzieren und damit langsam von der Bildfläche zu verschwinden. Ich habe gelernt, um Hilfe zu bitten; dankbar zu sein für das Umfeld, welches mir geblieben ist: Kinder, Familie, Freunde. Ob Umzug, Operationen oder Medikamentenwahl: Die Entscheidungen der vergangenen Jahre habe ich alle selbst gefällt. Für diese Selbstbestimmung bin ich enorm dankbar.

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Das Leben im Altersheim konfrontiert mich täglich mit dem Älterwerden und Sterben. Doch Parkinson ist nicht tödlich. Die Vorstellung, nicht mehr gebraucht zu werden, einsam zu sein, weckt Ängste. Ich suche den Kontakt zur Aussenwelt, wo es möglich ist. Ich besuche Vorträge, Kurse, Veranstaltungen und habe nun Zeit für meine Hobbies. Aus Schwemmholz und Metall entwerfe ich Engel und Figuren. Besucher empfange ich gerne. Ich geniesse es, in Gesellschaft zu sein. Ein guter Tag ist für mich ein Tag mit Gesprächen und Begegnungen. Sie geben mir die nötige Kraft, mein Leben zu meistern.

Rita Enz, 60 Jahre, Gais

Notiert: Christa Wüthrich