Die falsche Bitte

«Führe uns nicht in Versuchung.» Mit dieser Bitte im «Unservater»-Gebet wird von der Christenheit seit Jahrtausenden Gott die aktive Rolle des Versuchers angehängt: Das kann doch nicht sein!

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«Führe uns nicht in Versuchung.» Mit dieser Bitte im «Unservater»-Gebet wird von der Christenheit seit Jahrtausenden Gott die aktive Rolle des Versuchers angehängt: Das kann doch nicht sein!

Die Versuchung ist ja das Werkzeug des Satans, aus seiner dunklen Unterwelt eine oft von ihm benützte Gelegenheit und Möglichkeit als gestürzter früherer «Lichtträger» (Luzifer).

Ich erinnere mich an meine Jugendzeit im Elternhaus: Mein Vater sel. war ein bekannter Naturforscher als Biologe und Anthropologe, zudem Museumsdirektor auf naturwissenschaftlicher Grundlage; im weiteren ein begnadeter Vertreter im Lehrfach, der stets seinen bereits halberwachsenen Schülern mit Rat und Tat beistand, wenn sie Fragen, Schwierigkeiten, Probleme hatten – dies auch ausserhalb der Schule. Er äusserte sich verschiedentlich zu dieser Bitte im «Unservater», indem er sagte: Ich kann es so nicht mehr beten, und sich damals schon die Freiheit herausnahm, den Herrn zu bitten: «Führe uns in der Versuchung.» Vater war übrigens ein gläubiger Christ, der als Wissenschafter in der Natur das Staunen gelernt hatte. Bei Tisch betete er jeweils vor dem Essensgang bescheiden und schlicht demütig: «Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast; segne uns und was du uns bescheret hast. Amen.» So war mir mein Vater ein leuchtendes Vorbild.

Der biblische Jakobus – er war ein leiblicher Bruder von Jesus – sagt im Neuen Testament der Heiligen Schrift in Kapitel 1/Vers 13 seines Briefes: «Niemand sage, wenn er versucht wird, er werde von Gott versucht; denn Gott ist unberührt von Bösem. Er selbst aber versucht niemand.»

Das sind doch klare, unmissverständliche Worte, meine ich. Jakobus hat sicher auch gewusst, wie Jesus gebetet hat, sicher nicht mit diesen falschen Worten an dieser Stelle im «Unservater», wie wir es bis heute immer noch tun.

Die Sprache Jesu im Alltag war das Aramäische, ein Dialekt sozusagen, der später ins klassische Griechisch des Neuen Testaments übertragen worden ist: Hier muss denn auch der tragische Lapsus bei der Übersetzung erfolgt sein. Aber die christliche Kirche betet trotzdem nach wie vor gedankenlos so weiter, wenn sie im Gottesdienst das gemeinsam gesprochene «Unservater» herunterleiert. Dabei müssten nur die beiden griechischen Buchstaben der Verneinung, nämlich das deutsche Wörtchen «nicht», gestrichen werden.

Kein päpstliches Konzil hat je Einspruch dagegen erhoben. Nicht einmal unsere Reformatoren haben eine Korrektur an dieser Stelle gefordert. Auch die hellen, neuzeitlichen Theologen stört diese Missdeutung offenbar nicht.

Im Gottesdienst durfte ich es schon mehrmals erleben, dass Besucher hinterher sitzen blieben, oder nach vorne kamen, spürbar erleichtert, weil ich zuvor gebetet hatte: «Führe uns in der Versuchung.»

Carl Haegler,

Pfarrer im Ruhestand, Heiden