Die Fahrt nach Kanossa

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Freundin, sie hätte auf einer Auktionsplattform ein Auto zu einem absoluten Schnäppchenpreis ersteigert. «Vo somene Öpi, wo död drus chunnt mit dem Züg, weisch.

Karin Erni
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Bild: Karin Erni

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Vor einiger Zeit erzählte mir eine Freundin, sie hätte auf einer Auktionsplattform ein Auto zu einem absoluten Schnäppchenpreis ersteigert. «Vo somene Öpi, wo död drus chunnt mit dem Züg, weisch.» Was sie meinte: Auf solchen Plattformen verharren die Preise meist lange auf tiefem Niveau, um jeweils kurz vor Auktionsende rasant hochzuschnellen, bis ein marktgerechter Preis erzielt ist. Der Grund: Der Verkäufer hat Strohmänner engagiert, die mitbieten, oder er bietet gleich selbst unter einem anderem Namen mit. Doch offensichtlich kennen nicht alle Leute diesen Mechanismus. Bei mir machte sich Goldgräberstimmung breit. Da ich gerade ein neues Auto brauchte, beschloss ich, mein Glück ebenfalls auf dieser Plattform zu versuchen und installierte mir die entsprechende App auf dem Handy. Am Abend sass ich also auf dem Sofa, guckte meine Lieblingssendung im Fernseher und schielte mit einem Auge auf die Angebote, die auf dem kleinen Bildschirm auftauchten. Gleichzeitig kam auf dem Gerät die Anfrage einer Bekannten herein, ob ich eine Runde Quizduell mit ihr spiele. Aber ja doch – Frauen sind ja bekanntlich Multitasking-fähig! Das ging auch tatsächlich eine Weile gut. Bis auf einmal die Meldung aufleuchtete: «Sie haben gewonnen!» Ich musste feststellen, dass ich soeben Besitzerin eines getunten und tiefergelegten Sportwagens geworden war. So einen, mit dem man in der Zürcher Agglo durchaus eine gute Figur macht, sofern man männlich und unter 30 Jahre alt ist. Alle drei Attribute treffen auf mich leider nicht zu. Also blieb mir nach einer schlaflosen Nacht nichts anderes übrig, als den Gang nach Kanossa anzutreten und an Ort und Stelle zu versuchen, den Kauf rückgängig zu machen. Kanossa war in diesem Fall ein öder Occasionsplatz irgendwo in der Pampa. Auf dem ganzen Weg dorthin suchte ich fieberhaft nach einer vernünftigen Ausrede, warum ich dieses Auto auf keinen Fall kaufen wollte oder konnte. Alles unnötig. Der Autoverkäufer schaute mich nach meiner gestammelten Erklärung nur mitleidig von oben bis unten an und sagte: «Kai Problem Monn, aber worum hesch du mich nöd aifach telefoniert?»