Die etwas andere Kathedrale

Spaghetti, Milch und Tomaten verschwinden in der Einkaufstasche. Zusammen mit der Quittung erhalten Kunden derzeit bei der Migros kleine Verpackungen. Wer sie aufreisst, findet darin Mini-Modelle einheimischer Sehenswürdigkeiten. «Entdecke die Schweiz», lautet die Devise.

Christina Weder
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Das Modell und das Original: Die St. Galler Stiftskirche. (Bild: Michel Canonica)

Das Modell und das Original: Die St. Galler Stiftskirche. (Bild: Michel Canonica)

Spaghetti, Milch und Tomaten verschwinden in der Einkaufstasche. Zusammen mit der Quittung erhalten Kunden derzeit bei der Migros kleine Verpackungen. Wer sie aufreisst, findet darin Mini-Modelle einheimischer Sehenswürdigkeiten. «Entdecke die Schweiz», lautet die Devise. 54 kleine Modelle gibt es zum Sammeln, darunter das Bundeshaus, die Kapellbrücke, das Basler Rathaus – und die St. Galler Stiftskirche.

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Etwas ratlos betrachtet der Einheimische das Modell: Ist das wirklich unsere Kathedrale? Das monumentale Wahrzeichen der Stadt ist auf die Grösse einer Zündholzschachtel geschrumpft. Grau, mit braunem Dach und Doppeltürmen wirkt es auf einmal unscheinbar. Die typischen Kupferhauben fehlen. Dergestalt erinnern die Doppeltürme stark an jene des Zürcher Grossmünsters. Darüber wollen wir einmal grosszügig hinwegsehen. Etwas anderes hätten die Baumeister aus dem Spätbarock den heutigen Modellbauern von der Migros aber nicht so schnell verziehen: Diese haben es mit dem Massstab nicht so genau genommen. Das in Wirklichkeit langgestreckte Gebäude der Kathedrale ist im Modell viel zu kurz geraten. Es ist richtig gestaucht worden. Kein Wunder findet nur noch die Hälfte aller Fenster in der Fassade Platz. Tatsächlich sind die Proportionen dieses Mini-Modells ziemlich aus den Fugen geraten – und dies ausgerechnet bei der St. Galler Stiftskirche, bei der Symmetrie und Harmonie der Räume zur Perfektion getrieben wurden.

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Die Idee, die Sehenswürdigkeiten zu sammeln, ist ja hübsch. Mit Miniaturmodellen hat die Migros schon Erfahrungen gesammelt. In einer Vorgängersammelaktion hat sie eigene Produkte nachgebildet. Die Miniaturlebensmittel stehen wohl heute noch in vielen Kinderzimmern im Verkäuferliladen. Doch der Grosshändler wird selbst gemerkt haben: Cornflakespackungen, Zahnpastatuben und Milchtüten lassen sich nun einmal einfacher nachbilden als eine barocke Kathedrale.