Die erste Verliebtheit

Jedes Mal, wenn Peter mit seiner Anna einen guten Tropfen geniesst, küssen sie sich beim Zuprosten. Das war schon früher so. Heute ist der Kuss vielleicht nicht mehr so inniglich und leidenschaftlich, aber doch immer noch ehrlich. Ein Ritual, das sie seit ihrer ersten Verliebtheit pflegen.

Drucken

Jedes Mal, wenn Peter mit seiner Anna einen guten Tropfen geniesst, küssen sie sich beim Zuprosten. Das war schon früher so. Heute ist der Kuss vielleicht nicht mehr so inniglich und leidenschaftlich, aber doch immer noch ehrlich. Ein Ritual, das sie seit ihrer ersten Verliebtheit pflegen. Und gerade heute abend schoss es Peter – wie ein Blitz in einer schwülen Gewitternacht – die schönen Erinnerungen der ersten Verliebtheit mit Anna durch den Kopf. Gedankenversunken dachte er an diese Zeiten, an die Flitterwochen vor 22 Jahren im Veneto. In einem teuren Hotel in Venedig waren sie abgestiegen, haben ihre Zweisamkeit genossen und die Kanäle mit der Gondel und dem dazugehörenden Gondoliere abgefahren. So wie es sich für Frischverheiratete gehört. Ist es da Zufall, dass aus dem Radiolautsprecher das Lied von Conny Froboess und Peter Alexander aus den 60er-Jahren erklingt? «Verliebt, verlobt, verheiratet, so heisst das Spiel zu zweit; verliebt, verlobt verheiratet, da sag ihr dir nicht nein.» Waren das noch Zeiten! Und jetzt soll alles anders sein? «Essen», rief Anna, und Peter erwachte abrupt aus seinen Gedanken. Die Kinder kamen aus ihren Zimmern gerannt und setzten sich zu den Eltern an den Tisch. Was jetzt? Peter hatte plötzlich keine Lust und keinen Mut mehr, das Thema anzuschneiden. Und irgendwie war er sich seiner nicht mehr so sicher, ob seine gewählte Strategie die richtige ist. Er möchte jetzt einfach seinen Feierabend im Kreise der Familie geniessen. Überall im Haus brannten die Kerzen, der «Apéro riche» schmeckte ausgezeichnet, und der Weisswein liess ihn mit der Zeit seine zurechtgelegte Strategie vergessen. «Was will ich denn überhaupt?», murmelte Peter und nahm nochmals einen kräftigen Schluck. Der Weisswein schmeckte heute abend ganz besonders. Lag es vielleicht daran, dass er diesen von seiner Arbeitskollegin Ursula als Dank für die Unterstützung bei einer Powerpoint-Präsentation bekommen hat? Ein Blick auf die Etikette verriet, dass es sich um einen Lugana Riserva, Jahrgang 2007, aus dem Veneto handelt. Veneto? Ursula? Peter wurde ganz sturm.

Richard Fischbacher

Die Appenzeller Zeitung lässt Autoren aus dem Appenzellerland eine Fortsetzungsgeschichte zu Weihnachten schreiben. Die Autoren fügen jeweils ein Kapitel an und reichen den Text weiter.