Die Erotik des Strickbaus

Alles ist gut! Zwanzig Jahre sind vergangen, seit 2011 in der Wintersession der Ständerat als Zweitrat die Bauvorschriften für landwirtschaftliche Wohnbauten ausserhalb der Bauzone gelockert hatte.

Guido Berlinger-Bolt
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Alles ist gut! Zwanzig Jahre sind vergangen, seit 2011 in der Wintersession der Ständerat als Zweitrat die Bauvorschriften für landwirtschaftliche Wohnbauten ausserhalb der Bauzone gelockert hatte. Damals, vor zwanzig Jahren, diskutierte Ausserrhoden über die Stagnation der eigenen Bevölkerung auf zu tiefem Niveau; die Schülerzahlen brachen ein, es drohte die Überalterung, und es drohte die Überalterung der Bausubstanz nicht nur in den Dorfkernen. Doch nun, 2031 – ist alles gut gekommen.

Die Dörfer lebenswert, ja blühend; der Lebensraum beides: genutzt und geschützt; die Hügelwelt in ihrer ganzen Pracht und immer wieder historische, gepflegte Strickbau-Häuser dazwischen. Die Streusiedlung galt ja schon lange als ein Markenzeichen der appenzellischen und toggenburgischen Topographie; seit die verstreuten Häuser aber ihrer Funktion als Bauern- und Manufaktur-Häuser beraubt wurden, ging es abwärts mit ihnen. Stetig und unaufhaltsam.

Werfen wir einen Blick zurück in der Geschichte: 2011 hatte sich die Landwirtschaft so weit zurückgezogen, dass nur noch knapp 15 Prozent der «Bauernhäuser» als solche genutzt wurden. Und längst wurde in keinem der angebauten Lokalen mehr gestickt und gewoben. Dunkel schauten immer mehr Fenster ins Land, und mit jedem Winter ging in weniger der Häuser noch ein Lichtlein an, wurden weniger Wege zu den versunken liegenden Höfen gepfadet. Es fanden sich immer weniger Menschen, die 2011 noch in den Appenzeller Häusern leben wollten. Die genügten den Ansprüchen der Appenzellerinnen und Appenzeller nicht mehr: zu niedere Räume, kaum Möglichkeiten zur sinnvollen Isolation, zu kleine Kammern, zu kleine Fenster für die Consulter, Sprachheilpädagoginnen, Programmierer, Kulturindustriellen.

In der Wintersession der eidgenössischen Räte 2011 fiel dank einer st. gallischen (!) Standesinitiative die Vorschrift, dass nur jene Bauernhäuser umgebaut oder neu gebaut werden können, die bereits vor 1972 nicht mehr landwirtschaftlich genutzt wurden. Die Entwicklung, die auf den Entscheid in Bern hin einsetzte, macht bis heute, 20 Jahre danach, staunen.

Klug und rücksichtsvoll verhielten sich die Appenzellerinnen und Appenzeller 2011 und nicht dumm und ignorant! Das Thema Bauen, im Kanton schon lange heiss diskutiert, geriet in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses: Museen und öffentliche Räume zeigten landauf, landab Ausstellungen zu Baukultur, Siedlungsgeschichte und Baumaterialien. Weiterbildungen wurden veranstaltet, für Architektinnen und Architekten, für Baufachleute, kantonale und kommunale Bewilligungsbehörden und interessierte Bauherrinnen und -herren. Es gab zwischen 2011 und 2031 auch eine Erneuerung des Baurechts auf den Ebenen Kanton und Gemeinde; aber die war nicht so wichtig. Wichtiger war, dass es für Studienabgängerinnen und -abgänger nach langen Jahren, in denen der Architekten-Nachwuchs im Exil in Zürich oder westlich davon blieb, interessant wurde, in die Heimat zurückzukehren. Und dies nicht nur vom geschäftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet, sondern in erster Linie vom intellektuellen aus. Kurz: Es wuchs in der Breite das Bewusstsein für die Schönheit der appenzellischen Architekturen. – Denn das hatten die Beteiligten an den Veranstaltungen gelernt: Das typische Appenzeller Haus gibt es nicht, hat es nie gegeben; aber es gibt einen Appenzeller Baustil, eine Material- und Formensprache, eine ganz eigene Funktionalität, eine ganz eigene Modernität dieser historischen Häuser. Erst danach und nicht einfach irgendwie machten sich die Menschen des Appenzellerlands an die Pflege und an die Neu-Gestaltung der Dorfbilder und verstreut liegenden Häuser. Beileibe nicht alle einst errichteten Häuser überlebten diese Phase der architektonischen Erneuerung des Kantons. Aber an jenen, die Bestand haben konnten und späte Blüte trieben, lässt sich noch heute, 20 Jahre später im Jahr 2031, die appenzellische Identität ablesen.