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Die Brückenbauerin

TEUFEN. Eine Begegnung auf der Beratungsstelle für Flüchtlinge mit Carmelita Boari. Über den Stellenwert der Kreativität in ihrer Arbeit, über bewegende Momente und über ihre eigene Geschichte.
Guido Berlinger-Bolt
Carmelita Boari: «Ich bin nicht einfach eine Vertreterin der Flüchtlinge im Kanton; ich sehe mich als Brückenbauerin zwischen den verschiedenen Kulturen. Denn wir haben gar keine andere Möglichkeit, als zusammen zu arbeiten und zu versuchen, je das Gegenüber zu verstehen.» (Bild: gbe)

Carmelita Boari: «Ich bin nicht einfach eine Vertreterin der Flüchtlinge im Kanton; ich sehe mich als Brückenbauerin zwischen den verschiedenen Kulturen. Denn wir haben gar keine andere Möglichkeit, als zusammen zu arbeiten und zu versuchen, je das Gegenüber zu verstehen.» (Bild: gbe)

Es geht im Telefongespräch um den Flug eines sechs Jahre alten Knaben, der nach drei Jahren endlich aus Eritrea via Sudan seiner Mutter in die Schweiz nachreisen darf; als Carmelita Boari den Hörer auflegt, sind Mutter und Sohn ihrem Wiedersehen ein grosses Stück näher: Eine Flugbegleiterin musste sie für den Knaben organisieren, die jedoch seine Muttersprache, Tigrinja, nicht spricht. Mit dem Reisebüro hatte sie zuvor den Flug gebucht und die Mutter, eine vorläufig in der Schweiz aufgenommene Flüchtlingsfrau, musste sie beruhigen. Diese sei, sagt Carmelita Boari, aufgeregt und in einer enormen Anspannung: Wird mich mein Sohn nach der dreijährigen Trennung überhaupt noch erkennen?, frage sich die Mutter, die sich unendlich auf diesen Moment, morgen irgendwann am Zürcher Flughafen, freut.

Neben vielen Schweizerinnen und Schweizern, die aus allen Himmelsrichtungen aus ihrem Urlaub zurückkehren, kommen dort auch Menschen an, deren Reise einen ganz anderen Hintergrund haben – Menschen, auf die die Urlaubsreisen der Europäer in die Südsee oder in den Fernen Osten oder an die Mittelmeer- und Partystrände wie blanker Hohn wirken müssen.

Die Kluft ist gross und könnte grösser gar nicht sein. An ihrem Pult im Büro im Bahnhofgebäude in Teufen sitzt eine Frau, die Brücken über diesen Graben bauen will. Carmelita Boari kann viele Geschichten erzählen, schöne und weniger schöne. «Jää, wie schwarz sind denn die Asylanten, die sie in meiner Wohnung unterbringen wollen?», wurde sie von einem Vermieter auch schon gefragt. Dem steht ein greises Paar gegenüber, die Anfang dieser Woche eine Mutter und ihre zweijährige Tochter in ihrem Haus aufgenommen haben; der weit über 90jährige Mann habe ihr gar geholfen, einen Teppich vom Estrich in die Wohnung zu schaffen. «Eine so wohlwollende Haltung, das sind Zückerli in meinem Arbeitsalltag», sagt sie. Und: «Das ist gelebte Integration.» Integration – ihr Dauerthema. Integration habe sehr viel mehr mit Kreativität zu tun als einfach nur mit Offenheit, ist sie überzeugt. «Offenheit ist eine Haltung; diese Offenheit aber zu wecken, bedarf es viel Kreativität – das ist es, was mich an meiner Arbeit immer wieder reizt.» Es ist eine Arbeit, die eng mit der persönlichen Geschichte zusammenhängt. Das sagt Carmelita Boari erst ganz am Ende des Gesprächs.

Wie der Tiger im Käfig

Ihr Vater stammte aus Argentinien, war dort zweisprachig, spanisch/italienisch, aufgewachsen; als Jugendlicher kam er als Wirtschaftsflüchtling in die Schweiz – und wurde nie wirklich heimisch. Neun Umzüge erlebte Carmelita Boari bis in ihr 13. Lebensjahr. «Rückblickend wirkt er fast wie ein Tiger, der in seinem Käfig unruhig seine Runden dreht», sagt sie über ihren Vater. Carmelita Boari kennt das Thema Migration, Flucht, Fremdsein, kennt die Fragen und die Versuche zum Kompromiss aus eigener Erfahrung. Irgendwann kam die Familie in der Ostschweiz an und die Tochter begann eine Ausbildung zur Grafikerin. Früh wurde sie Mutter und lernte, dass Muttersein eine Berufung sein kann. Später kam zum Sohn eine Tochter hinzu.

Der Wiedereinstieg ins Grafiker-Leben fiel ihr indes schwer – während ihrer Zeit für die Familienarbeit habe sich das Berufsbild massiv verändert, die Arbeitsweise einerseits, aber auch die Rolle von Werbung in der Gesellschaft, hält sie fest. «Da war dieses manipulative Element der Werbung, hinter dem ich nicht mehr stehen konnte.»

Aufbau der Beratungsstelle

Carmelita Boari wechselte ins Gesundheitswesen, in das Labor eines Naturheilpraktikers. Später bewarb sie sich um die Stelle der Asylbewerber-Betreuung in Speicher – die sie trotz fehlender Sozialarbeiterinnen-Ausbildung erhielt. Es folgten fachspezifische Weiterbildungen, die Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin und zur interkulturellen Animatorin.

Vor zehn Jahren begann Carmelita Boari im Auftrag der 20 Ausserrhoder Gemeinden und des Kantons mit dem Aufbau der Beratungsstelle für Flüchtlinge. Sie bezog ein Büro in Trogen. Ihr Pensum in der Beratungsstelle für Flüchtlinge beträgt heute 80 Prozent; daneben ist sie als Leiterin der Sektion Ostschweiz von NCBI (National Coalition Building Institute) tätig. NCBI setzt sich ein für den Abbau von Vorurteilen, von Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art sowie für Gewaltprävention und konstruktive Konfliktlösung. Carmelita Boari versteht sich nicht nur als Vertreterin der Flüchtlinge, sondern auch als Vermittlerin zwischen den Zugewanderten und den Einheimischen.

Ein Leben neben Lebensthema

Das Thema scheint das Leben von Carmelita Boari zu bestimmen: «Es war vor einigen Jahren noch bestimmender», sagt sie. Sie habe lernen müssen, sich abzugrenzen. Sie tanzt Tango, liebt es, die eigene Kreativität in der Küche auszuleben und alleine durch die Welt zu reisen. Als weiteren Ausgleich zu ihrer Arbeit fotografiert sie grossformatig.

Zudem gewann sie mit der Verlegung der ursprünglich zwei Beratungsstellen von Trogen und Herisau nach Teufen einen wertvollen Teamkollegen, Heinrich van der Wingen. Gemeinsam sprechen sie über all die Geschichten, die sie hören und erleben. Über die schönen und die weniger schönen.

Bild: Guido Berlinger-Bolt

Bild: Guido Berlinger-Bolt

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