«Die Bauern haben nicht geschlafen»

Kürzungen von Direktzahlungen, Abbau des Grenzschutzes: Dies sind zwei Empfehlungen laut einer OECD-Studie an die Schweiz, um mit ihren Landwirtschaftsprodukten wettbewerbsfähiger zu sein. Der Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbandes, Andreas Widmer, widerspricht.

Urs M. Hemm
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Ein Abbau des Grenzschutzes bei Milchprodukten würde das Überleben der Toggenburger Milchbauern langfristig verunmöglichen. (Bild: Luca Linder)

Ein Abbau des Grenzschutzes bei Milchprodukten würde das Überleben der Toggenburger Milchbauern langfristig verunmöglichen. (Bild: Luca Linder)

Die OECD kritisiert die Schweiz in ihrer jüngsten Studie, weil die Direktzahlungen an Bauern im Verhältnis zu den Markteinnahmen so hoch sind, dass für die Bauern kein Anreiz mehr besteht, sich nach dem Markt zu richten. Wie beurteilen Sie die Situation?

Andreas Widmer: Die Direktzahlungen machen im Durchschnitt der Betriebe 23 Prozent des Gesamterlöses aus. In den letzten Jahren haben viele Bauern ihren Betrieb neu ausgerichtet. Tatsache ist, dass in günstigen Produktionsgebieten der Markt allein für die betriebliche Ausrichtung verantwortlich ist. In den höheren Lagen haben die Direktzahlungen einen grösseren Einfluss auf den Betrieb. Die Bauern haben in den letzten Jahren aber nicht geschlafen. Die OECD weist ja selber darauf hin, dass in den 1980er-Jahren die Schweizer Agrarprodukte noch das Vierfache des Weltmarktpreises ausmachten. Heute liegen die Preise noch 40 Prozent über dem Weltmarktniveau.

Die Toggenburger Milchproduzenten beispielsweise können ihre Produktion schlecht den Begebenheiten des Marktes anpassen. Deshalb schlägt die OECD vor, dass sich landwirtschaftliche Betriebe einerseits auf Dienstleistungen wie Biodiversität oder Landschaftspflege spezialisieren. Andere potenziell wettbewerbsfähige Betriebe hingegen sollen sich auf die Produktion konzentrieren und diese so optimieren. Entsprechend diesen Zweigen sollen auch die Direktzahlungen aufgeteilt werden. Wäre ein solcher Vorschlag im Toggenburg umsetzbar?

Widmer: Die jetzige Agrarpolitik stellt das Miteinander von Produktion und Landschaftspflege und somit die Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Der Toggenburger Bauer produziert Milch und Fleisch und hat seine Vorgaben zur Pflege der Landschaft. So werden bereits heute rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Toggenburg extensiv als ökologische Ausgleichsfläche bewirtschaftet. Die aktuelle Agrarpolitik stellt dazu klare Rahmenbedingungen. Die Direktzahlungen sind heute nicht mehr an die Produktion gebunden, sondern ausschliesslich an die Pflege der Landschaft, das Tierwohl und die Umweltauflagen. Eine Auftrennung von Produktion und Landschaftspflege käme im Endeffekt teurer zu stehen. Das Miteinander von Produktion, Landschaftspflege und Sicherung der Biodiversität ist für die Toggenburger Landwirtschaft der richtige Weg.

Zusammen mit einem Abbau des Grenzschutzes für Lebensmittel sollen die Produzenten dazu angehalten werden, ihre betrieblichen Entscheide mehr auf die Marktsituation auszurichten und damit wettbewerbsfähiger werden. Glauben Sie an einen solchen Effekt?

Widmer: Der Abbau des Grenzschutzes bedeutet eine Halbierung der Produktepreise. Es geht dann nicht mehr um eine Ausrichtung auf den Markt, sondern ganz allein nur um die Frage: Soll ich den Landwirtschaftsbetrieb sofort aufgeben oder noch bis Ende Jahr warten? Ein Abbau des Grenzschutzes würde wohl dazu führen, dass in guten Produktionslagen intensiver und möglichst bodenunabhängig produziert und in den restlichen Gebieten ein Drittel der Bauern übrig bleibt und der Boden extensiv bewirtschaftet würde. Ob sich das für die Umwelt und die Natur positiv auswirken würde, bleibe einmal dahingestellt.

Welche Auswirkungen könnte die Einführung eines solchen Systems auf die regionale Entwicklung des Toggenburgs haben?

Widmer: Der Toggenburger Bauer produziert teilweise heute schon Milch zu einem Preis von weniger als 50 Rappen. Ein Abbau des Grenzschutzes würde diese Preise nochmals halbieren. Ein Überleben wäre auch trotz grossem Idealismus längerfristig nicht möglich. Ich kann ich mir nicht vorstellen, dass die Bäuerinnen und Bauern im Toggenburg dann als Staatsbedienstete für den Erhalt der heilen Landschaft die Wiesen, Weiden und Alpen pflegen und unterhalten.

Warum funktionieren die Vorschläge der OECD im Toggenburg nicht?

Widmer: Eine solche Entwicklung hätte für das Toggenburg einschneidende Folgen. Mit mehr Landschaftspflege und weniger Produktion würden nicht nur die Bauern verschwinden, sondern auch die Arbeitsplätze in den vor- und nachgelagerten Betrieben. Die dezentrale Besiedelung wäre in Frage gestellt. Solche Beispiele kennen wir bereits heute in den Kantonen Graubünden und Tessin. Eine Extensivierung und reine Landschaftspflege führen mittelfristig zu einer Abwanderung.

Unter welchen Umständen könnten die Lösungsansätze der OECD Erfolg haben?

Widmer: Die Lösungsansätze haben nur dann eine Chance, wenn die Auflagen zur Produktion von Lebensmittel, insbesondere Umweltauflagen sowie Gesetze zum Tierwohl und Pflanzenschutz international auf dem gleichen Standard sind. Die Nahrungsmittelproduktion muss überall im Einklang mit der Natur und nachhaltig erfolgen. Eine totale Liberalisierung des Welthandels bei den Nahrungsmitteln wird jedoch nie möglich sein. Die Grundversorgung mit Lebensmitteln ist eine Aufgabe der öffentlichen Hand. So, wie das mit Wasser, Luft und Energie auch der Fall ist.

Welchen Weg sollen die Toggenburger Landwirte beschreiten, um das Ziel, nämlich die gewinnbringende Landwirtschaft, trotzdem zu erreichen?

Widmer: Produziert werden muss, was der Markt beziehungsweise die Konsumenten verlangen. Bei der Qualität müssen wir an der Spitze sein und die Produkte zusammen mit unserer Landschaft Toggenburg vermarkten. Von immer grösserer Bedeutung ist die Aufwandseite. Die Kosten müssen in allen Bereichen gesenkt werden. Eine rationellere Bewirtschaftung und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Betrieben sind die Erfolgsrezepte.

Andreas Widmer Geschäftsführer St. Galler Bauernverband (Bild: Urs M. Hemm)

Andreas Widmer Geschäftsführer St. Galler Bauernverband (Bild: Urs M. Hemm)

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