Die Attentäter

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Corinne Graf
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Nichts für Zartbesaitete: das Buch «Die Attentäter». (Bild: PD)

Nichts für Zartbesaitete: das Buch «Die Attentäter». (Bild: PD)

Ein aufwühlendes Jugendbuch, das auch Erwachsene anspricht. Mitreissend und gefühlvoll. Nachdenklich und erschütternd. Ein brandaktuelles Thema und ein beklemmender Blick in die Abgründe des Terrorismus.

Cliff, Alain und Margarete kennen einander, seitdem sie vier Jahre alt sind. Die drei wachsen in einem Berliner Miethaus auf, verbringen ihre Tage zusammen, spielen zusammen und zeichnen gerne. Aber während Margarete und Alain in intakten modern-bürgerlichen Familien aufwachsen, lebt Cliff bei seinem trinkenden Vater. Die Mutter hat die Familie verlassen. Leicht ist das nicht. Auch dass die zwei Jungen sich über die Jahre immer stärker zueinander hingezogen fühlen, möchte Cliff nicht wahrhaben. Er wird zunehmend wütend. Auf sich, auf die Welt.

Nach einem schlimmen Vorfall fängt Cliff ganz neu an – und wendet sich dem Islam zu, dessen Regeln und Vorschriften ihm den Halt geben, den er braucht. Er konvertiert, radikalisiert sich und verschwindet schliesslich. Ein Jahr später taucht er wieder in Berlin auf. Hat er sich wirklich verändert, wie seine beiden Freunde hoffen? Dann überschlagen sich die Ereignisse in Berlin und am Ende ist nichts mehr so, wie es vorher war.

Eindringlich und nachklingend

Die Autorin beschreibt meisterhaft, welche Entwicklung ihre Protagonisten durchlaufen; deren Kämpfe und Zerrissenheit, dieses Schwanken und Hoffen, die Sehnsucht nach Rettung. Dabei wird die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Alain, Cliff und Margarete erzählt und wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Manche Ereignisse werden gar aus allen drei Perspektiven erzählt. So sind es am Anfang viele Bruchstücke, die erst nach und nach ein vollständiges Bild ergeben.

Die Geschichte verlangt dem Leser einiges ab – vor allem emotional gesehen. Doch man wird immer wieder belohnt: durch die poetische Sprache («Der Himmel war hellblau und fadenscheinig an diesem Tag, wie etwas, das wir so lange benutzt hatten, bis es beinahe zerriss.»; Seite 13) und die stimmungsgeladenen Bilder («Alain fühlte sich wieder glücklich und hatte gleichzeitig Angst. Das schwarze Funkeln in Cliffs Blick frass sich in sein Inneres, wie ein Schatz aus einem Märchen, der überall, wo er einmal liegt, verbrannte Erde hinterlässt.»; Seite 32).

Wie wird ein Mensch zu einem Attentäter? Was hat er erlebt? Was hat ihn geprägt? Wie entsteht das Böse? In «Die Attentäter» nähert sich die Autorin diesen Fragen behutsam an.

Auch gewalttätige Szenen werden nicht ausgespart, daher die Altersempfehlung ab 16 Jahren. Im Vergleich zu anderen Jugendbüchern weist «Die Attentäter» relativ viel Brutalität auf und ist nichts für Zartbesaitete.

Antonia Michaelis wurde 1979 in Norddeutschland geboren und wuchs in Süddeutschland auf. Nach dem Abitur zog es sie in die weite Welt hinaus. Sie arbeitete unter anderem in Südindien, Nepal und Peru. Wieder zurück in der Heimat studierte Antonia Michaelis in Greifswald Medizin und begann parallel dazu, Geschichten für Kinder und Jugendliche zu schreiben. Seit einigen Jahren lebt sie als freie Schriftstellerin in der Nähe der Insel Usedom und hat zahlreiche Kinder- und Jugendbücher veröffentlicht. Facettenreich, fantasievoll und mit grossem Erfolg. Gleich ihr erstes Buch für junge Erwachsene mit dem Titel «Der Märchenerzähler» wurde für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Corinne Graf

Bibliothek Speicher-Trogen

Antonia Michaelis, Die Attentäter. Hamburg: Oetinger, 2016. (978-3-7891-0456-5)