Die 10er-Mocken der Frau B.

Brosmete

Silvia Fritsche
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Kürzlich war ich wieder mal in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Auch da ist unschwer festzustellen, dass die Zeit nicht stillsteht. Es gab so viele Veränderungen baulicher Art. So fragte ich mich tatsächlich einen Augenblick lang, ob ich wohl im richtigen Ort gelandet bin. Man kennt das ja: Mit den Gendanken ganz wo anders fährt man eine altbekannte Strecke wie ferngesteuert. Jeder Abzweiger wird automatisch genommen, die Strassentafeln nimmt man kaum wahr und das Tempo drosselt man wie von selbst am richtigen Ort. Aber ja, ich war richtig. Das Gerichtsgebäude steht da noch, erhaben und würdevoll. Gleich gegenüber ist die Grünfläche aber verschwunden und ein riesiger, protziger Bau steht da. Ein kleines Einkaufszentrum ist entstanden. Was den Schülern jetzt wohl in der Schleckwarenabteilung angeboten wird?

Wir radelten damals zum «Chrömle» mit dem Fahrrad ins Nachbardorf. Da gab es einen winzig kleinen Volg-Laden, den Frau B. liebevoll führte. Das mühsam in der Nachbarschaft mit Gartenarbeit erwirtschaftete Geld konnte dort sinnvoll investiert werden. Es gab ein ganzes Regal voller Süssigkeiten. Da waren Carambar, rosarote Pilzli, Kaugummi am Meter, den man möglichst am Stück in den Mund stopfen musste, Cola-Fröschli, die bei Überverzehr die Zunge wundschürften, die grossen, teuren Gummischlangen, Double-Dip-Tiki-Pulver und die begehrten Kaugummi-Zigis. Das war ein Anblick, der die Entscheidung jedes Mal schwierig machte, und das Taschengeld schien permanent zu wenig zu sein. Wenn man ganz viel einkaufte, schenkte uns Frau B. immer einen 10er-Mocken. Das führte zu wirtschaftlichen Überlegungen. Schloss man sich zusammen und schickte eine Person mit einer Einkaufsliste in den Laden, die dann ganz viel auf einmal einkaufte, bekam man immer einen Mocken. Nur, wer bekam bei der Verteilung den begehrten «Rabatt»?

Silvia Fritsche