Dewey, der berühmteste Kater der Welt

Ein eiskalter Wintermorgen im Jahr 1988 in der kleinen Stadt Spencer im amerikanischen Mittelwesten. Die Bibliothekarin Vicki Myron leert wie jeden Morgen als erstes die Bücherbox, da hört sie seltsame Geräusche aus dem Behältnis.

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Ein eiskalter Wintermorgen im Jahr 1988 in der kleinen Stadt Spencer im amerikanischen Mittelwesten. Die Bibliothekarin Vicki Myron leert wie jeden Morgen als erstes die Bücherbox, da hört sie seltsame Geräusche aus dem Behältnis. Eigentlich sollen dort ausgeliehene Bücher von aussen über eine Klappe zurückgegeben werden, wenn die Bibliothek geschlossen ist. Doch offensichtlich hat jemand diese Vorrichtung dazu genutzt, ein ungeliebtes Haustier loszuwerden. Die Autorin, Vicki Myron, findet ein etwa acht Wochen altes Kätzchen, abgemagert, verdreckt, halb erfroren. Der Kater überlebt knapp. Der Kater wird von Vicki Myron und ihrem Bibliotheksteam adoptiert und bekommt den Namen Dewey. Als Nachname dichtet man ihm «Readmore Books» (lies mehr Bücher) an. Unter diesem Namen wird Dewey weit über die Stadtgrenzen, ja sogar über die Grenzen der USA hinaus bekannt und berühmt. Die Website www.spencerlibrary.com zeugt davon.

Dewey verzaubert jeden

Besonders schön ist es zu erfahren, welche Reaktionen Dewey bei den Menschen hervorruft und dass er von der breiten Bevölkerung bald als selbstverständlich akzeptiert wird. Selbst Menschen mit Katzenhaar-Allergie kommen weiter ohne Probleme in die Bibliothek.

Die Anwesenheit des genügsamen und ruhigen Katers, der intuitiv zu spüren scheint, wer seinen Beistand braucht, verzaubert jeden. Er gewinnt Tag für Tag die Herzen der Menschen, eines nach dem anderen. Er übergeht nie jemanden. Jeder Bibliotheksbenutzer, der regelmässig kommt, spürt die einzigartige Bindung, die zu Dewey besteht. Dewey geleitet Arbeitslose durch eine schwere Zeit oder hilft älteren Menschen beim Trauern.

Sich gegen die Menge abheben

Dewey zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er etwas Besonderes tut, sondern dadurch, dass er etwas Besonderes ist. Er gehört zu den scheinbar gewöhnlichen Wesen, die, wenn man sie richtig kennenlernt, sich gegen die Menge abheben. Die folgenden Sätze von Vicky Myron sind ganz in meinem Sinne und verdienen, vor allem auf Menschen bezogen, Beachtung: «Diese Wesen sind diejenigen, die keinen einzigen Arbeitstag versäumen, die nicht jammern, die nie mehr als ihren Anteil verlangen.

Sie sind Bibliothekare, Autoverkäufer und Kellnerinnen, die grundsätzlich einen ausgezeichneten Service bieten, die mit Leib und Seele bei der Sache sind, weil sie ihren Job lieben. Sie kennen ihre Aufgabe im Leben, und sie erfüllen sie über die Massen gut. Einige erhalten dafür Preise, andere machen das grosse Geld, die meisten werden als selbstverständlich hingenommen, die Verkäuferinnen, die Bankkassierer, die Mütter.

Die Welt neigt dazu, die Ungewöhnlichen und die Lauten, die Reichen und die Eigennützigen wahrzunehmen und nicht diejenigen, die jeden Tag gewöhnliche Dinge aussergewöhnlich gut machen.»

Gefühle offen legen

Vicky Myron, hat zusammen mit dem Sachbuchautor Bret Witter die Geschichte des wundersamen Katers aufgeschrieben, den sie 19 Jahre lang, von 1988 bis zu seinem Tod 2006, in der Bibliothek von Spencer liebevoll versorgt hat.

Geschickt lässt sie auch historisches Material einfliessen über die Stadt- und Bibliotheksentwicklung in dieser Zeit; erzählt von den Lebensbedingungen der Menschen aus dieser Gegend von Iowa. Myron ist keine professionelle Autorin, aber dass sie wahrheitsgetreu berichtet und dabei ihre Gefühle offen legt, nimmt man ihr ab. Problematisch wird es, wenn sie behauptet, der Kater engagiere sich für die Bibliothek, er liebe die Menschen, liebe gar die Stadt Spencer. Dass er ihr und anderen viel gegeben hat, ist sicher unbestritten.

Doch dass dies, wie sie nahe legt, bewusst geschah, gehört ins Reich menschlicher Wunschvorstellungen.

Dennoch: eine unterhaltende und zärtliche Geschichte über die geheimnisvolle und wunderbare Art, wie Tiere und Bibliotheken die Menschen bereichern.

Beatrice Fuchs,

Volksbibliothek Appenzell

Myron, Vicki. Dewey und ich – die wahre Geschichte des berühmtesten Katers der Welt; München: Page & Turner, 2009; ISBN 978-3-442-20333-8. Ausleihbar in Ihrer Bibliothek. Buchtips nachzulesen unter www.biblioapp.ch