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Der weibliche Dichter

Brosmete
Heidi Eisenhut

«Alles Leben strömt aus dir, | Und durchwallt in tausend Bächen | Alle Welten, alle sprechen: | Deiner Hände Werk sind wir!», Sie kennen den Text. Aber nur vier Strophen von insgesamt neun. «Die besten vier», wie vor bald 80 Jahren der Musikhistoriker Walter Rüsch urteilte, nachdem es ihm gelungen war, den Verfasser des Gedichts ausfindig zu machen. Der Verfasser ist eine Frau. Caroline Rudolphi, 1753 geboren und am 15. April 1811 verstorben. 1780, 1787 und 1796 erscheint je ein Gedichtband von ihr. Google sei Dank sind alle drei Bände im Internet verfügbar. Ich blättere darin. «An Gott» findet sich im zweiten Band – und auf einem separaten Notenblatt: als Lied. Rudolphis empfindsame Gedichte gefallen den Zeitgenossen: In einer religiösen Oden- und Liedersammlung «der besten deutschen Dichter und Dichterinnen» sind 14 von 51 Texten aus ihrer Feder. Darunter «An Gott», zum zweiten Mal vertont.

Und «die Rudolphi» hat noch mehr zu bieten! In der Nähe von Hamburg begründet sie ein Erziehungsinstitut für Mädchen, mit dem sie später nach Heidelberg wechselt. An beiden Orten ist ihr Haus ein Zentrum der Geselligkeit und des intellektuellen Austauschs. 1807 erscheint ihr Briefroman «Gemälde weiblicher Erziehung», der ihr pädagogisches Konzept offenbart. Wie die Schweizer Rousseau und Pestalozzi plädiert sie für die freie Entfaltung der natürlichen Kräfte des Kindes. Obwohl ihrem Weltbild die Rolle der Frau als Gattin und Mutter zugrunde liegt, tritt sie – und darin ist sie ihrer Zeit voraus – für den gleichberechtigten Anspruch von Frauen auf Bildung ein. Der Gedanke, dass unser Landsgemeindelied von einer deutschen Pionierin der Mädchenerziehung geschrieben worden ist, fasziniert mich. Die dritte, uns bekannte Vertonung durch den Appenzeller Komponisten Johann Heinrich Tobler aus dem Jahr 1825 ist die beste der drei überlieferten. Und auch die Reduktion auf vier Strophen überzeugt bis heute.

Heidi Eisenhut

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