Der Weg: «Ungefähr nach Süden»

Zur ersten Vorstellung des Jahres gab es im Chössi-Theater ein Hörspiel zu erleben. In «New Orleans» sucht ein Mann, gesprochen von Peter Hottinger, den Weg nach Süden, begleitet wurde er vom Kirchberger Musiker Christian Käufeler.

Michael Hug
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Peter Hottinger spielt überzeugend den resignierten Reisenden, Christian Käufeler (im Hintergrund) erzeugt instrumental Stimmungen. (Bild: Michael Hug)

Peter Hottinger spielt überzeugend den resignierten Reisenden, Christian Käufeler (im Hintergrund) erzeugt instrumental Stimmungen. (Bild: Michael Hug)

LICHTENSTEIG. «Kennen Sie den Weg, das Kap der Angst zu verlassen? Ja, es gibt den Ort, um da wegzukommen: Autofahren, ungefähr nach Süden. Den ganzen Morgen, den Nachmittag und die Nacht. Nichts zu essen ausser Kaffee und Benzin.» Sagt der Mann (Peter Hottinger) auf der Chössi-Bühne, dem schiere Hoffnungslosigkeit und Depression ins Gesicht geschrieben scheinen. Im Hintergrund lässt der Musiker Christian Käufeler seinen Technopark an Musikinstrumenten klopfen, stöhnen und klimpern, evoziert und verstärkt damit die Stimmung. Die Stimmung, die Resignation, diese letzte Hoffnung, die der Mann fühlt, als er aufbricht, sich noch einen Traum zu erfüllen: New Orleans.

Eine Münze entscheidet

Also fährt der Mann nach Süden, lässt eine Münze entscheiden, welchen Weg, welches Hotel er nehmen soll. Die Münze bestimmt damit sein Schicksal, die kleinen Wendungen, die so ein Tag nehmen kann, wenn man unterwegs ist und die unverhofft grosse Auswirkungen haben können. Aber die Münze meint es nicht wirklich gut mit dem Reisenden, drückt aus, was er fühlt aber nicht wahrhaben will: Des kleinen Individuums Götterdämmerung, den persönlichen Weltuntergang. Stets wird der Mann begleitet von der Musik, von Stimmungen, Erinnerungen, Emotionen. Erinnerungen an seine verstorbene Verlobte, die heute ihren 39. Geburtstag hätte feiern können – er kauft ihr einen Hut, besser noch, er lässt ihn sich schenken. Erinnerungen an frühere, bessere Zeiten, und nun landet er in einem schäbigen, heruntergekommenen Hotel, begegnet einer Frau und weiss nicht wie er sie erobern soll.

In der Blüte seines Lebens

Wie das so ist auf Reisen, bei denen man keine Erwartungen hat – man begegnet früher oder später sich selbst. Peter Hottinger spielt den Mann mit Empathie und nüchterner Distanziertheit zugleich. Dabei – weil das Stück ja ein Hörstück ist – trägt nur seine Stimme die ganze Dramatik der Reise in den Süden, die Tragödie des Lebens dieses eigentlich in der Blüte seines Lebens stehenden Reisenden. «New Orleans» ist ein Theaterstück, bei dem man die Augen schliessen kann und trotzdem in jeder Szene voll dabei ist. Das Stück mit einem Text von Jens Nielsen geriet unter der Regie von Martha Zürcher dennoch nicht zu einem himmeltraurigen Abgesang auf einen am Leben Gescheiterten, sondern unterhält dann und wann auch mit charmantem Humor. Eine geglückte, eine kleine, feine Inszenierung, die leider nur rund 30 Zuschauer sehen respektive hören wollten.

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