Der Ausserrhoder Pfarrer Lars Syring: «Gottesdienste sind eine gefährliche Veranstaltung»

Der Bühlerer Pfarrer Lars Syring spricht über Weihnachten, das Pfarrersein und erklärt, weshalb er nicht auf das Wort «Gott» in der Ausserrhoder Verfassung verzichten möchte.

Interview: Yann Lengacher
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Lars Syring in der reformierten Kirche Bühler, die kürzlich renoviert wurde.

Lars Syring in der reformierten Kirche Bühler, die kürzlich renoviert wurde.

Bild: Yann Lengacher

Er sei als Pfarrer jetzt volljährig, sagt Lars Syring über seine Zeit im Mittelland. Seit 2001 ist der gebürtige Deutsche in der reformierten Kirchgemeinde Bühler geistlich tätig. Genug lange, um den Text des Landsgemeindelieds zu kennen. Und genug lange, um auch einmal eine Meinung zur Ausserrhoder Politik zu haben. Insbesondere, wenn es um denjenigen geht, den Syring als seinen einzigen Chef bezeichnet: Gott.

Lars Syring, kennt man als Pfarrer eigentlich so etwas wie «Weihnachtsstress»?

Lars Syring: Ich persönlich nicht, aber ich weiss von Kolleginnen und Kollegen, die im Stress sind. Ich mache im Advent immer eine Woche Ferien, um mit meiner Familie in Ostwestfalen Weihnachten zu feiern.

Sie leiten an Heiligabend zwei Gottesdienste und am ersten Weihnachtstag gleich einen weiteren. Ist die Vorbereitung nicht mit viel Aufwand verbunden?

Mir gefällt das. Ich sage immer, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe. Die Gottesdienste fallen ja nicht vom Himmel, darauf kann ich mich vorbereiten.

Was macht das Pfarrersein zum schönsten Beruf der Welt?

Ich kann mich mit Menschen aus allen Generationen auseinandersetzen. Ich begleite die Menschen in den Umbruchsituationen ihres Lebens, wenn sie sich freuen oder traurig sind. Und ich kann mich auch mit Gott auseinandersetzen und mich von ihm verwandeln lassen.

Da nervt es Sie auch nicht, wenn die Kirchenbänke an Weihnachten voller sind als in Gottesdiensten während des Jahres?

Dass die Kirche an Weihnachten voller ist, ist so. Wenn ich mich nerven würde, würde das nichts ändern.

Aber es wäre Ihnen bestimmt lieber, wenn die Gottesdienste auch an gewöhnlichen Sonntagen besser besucht wären?

Na ja, Gottesdienste sind halt eine gefährliche Veranstaltung. (lacht) Ein Gottesdienst könnte dazu führen, dass sich dein Leben ändert. Und das wollen ja nicht alle. Vielleicht will man in seinem goldenen Käfig bleiben. Wir leben in einer Zeit, in der viel gejammert wird. Statt sich mit seinem Jammern anzufreunden, könnte man etwas ändern. Das muss man aber wollen. Mich hat die Begegnung mit Gott frei gemacht.

In Ausserrhoden sind rund zwei Drittel der Menschen katholisch oder reformiert. Vielleicht brauchen sie die Kirche nicht mehr, um an Gott zu glauben.

Die Menschen suchen nicht mehr selbstverständlich in der Kirche. Früher war die Kirche die einzige Anbieterin auf dem Markt. Heute gibt es da mehr Angebote, auch viele gute. Aber ich wundere mich, dass unsere vielfältigen Angebote nicht wahrgenommen werden.

Muss die Kirche deswegen mehr auf ihre Anhängerschaft zugehen, vielleicht auch digital?

Das machen wir ja schon. Aber vielleicht ist es für manche schwierig, bei tausend Facebook-Freunden den Überblick zu bewahren. Wenn es für die Leute passt, dann werden wir uns über den Weg laufen.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich für eine Kirche einsetzen, die protestiert, wo es nötig ist und quer zum Mainstream steht. Was heisst das konkret?

Die Kirche muss nicht Mainstream sein, weil sie es nicht ist. Wir wollen den Menschen hier zeigen, wie sie jenseits des Konsumterrors zu sich selbst finden. Die Kirche muss die Stimme dort erheben, wo Unrecht geschieht, oder wo Leute Hilfe brauchen. Vor Ort unterstützen wir beispielsweise abgewiesene Asylbewerber, die in Ausschaffungshaft festsitzen.

Machen Sie an Weihnachten keine Geschenke? Sie sprechen von Konsumterror.

Doch, am Schenken selbst ist ja nichts verwerflich. Ich bekomme gerne Geschenke. Meine drei Kinder erhalten ein Geschenk in einem bestimmten Rahmen. Meine Frau und ich schenken uns untereinander nichts, weil wir schon alles haben. Der Kapitalismus lebt nicht nur an Weihnachten davon, dass die Leute irgendwelchen Ramsch kaufen, den sie nicht brauchen. Ich brauche nicht die zwölfte Lichterkette.

Der Begriff «Gott» soll aus der Ausserrhoder Verfassung verschwinden. Muss die Kirche hier aus Ihrer Sicht protestieren?

Solange noch nichts offiziell ist, müssen wir nicht protestieren. Grundsätzlich habe ich aber Schwierigkeiten, wenn man alles mit «wir» formuliert. Meine Erfahrung mit dem Leben ist, dass wir nicht alles selbst in der Hand haben. Deswegen finde ich den Verweis auf Gott angebracht. Ich wäre für eine Präambel, die auf das Landsgemeindelied Bezug nimmt. Das Landsgemeindelied fasst den Geist von Ausserrhoden perfekt zusammen. «Im Vertrauen auf Gott, aus dem alles Leben strömt», wäre eine Formulierung, die zum Groove des Appenzellerlands passt und mit der sich die Leute identifizieren könnten.

In einem der vorgeschlagenen Texte für die Präambel ist von einem «grösseren Ganzen» die Rede. Könnten sich damit nicht auch Christen identifizieren?

Jeder Vorschlag ohne «Gott» ist ein Ausweichen vor dem Begriff. Ich weiss, dass das Wort «Gott» belastet ist und jeder etwas anderes darunter versteht. Aber das wird bei jeder Formulierung so bleiben. Es steht einer Gemeinschaft gut an, mit einer Kraft zu rechnen, die grösser ist als die eigene. Ohne Gott würde zudem eine konkrete Grundlage fehlen, auf die man sich im schlimmsten Fall berufen könnte. Mir gefällt die Verantwortung vor Gott. Vertrauen und Verantwortung. Darum geht es.

Christen wünschen sich gerne besinnliche Feiertage. Was gehört für Sie zu einem besinnlichen Weihnachtsfest?

«Oh du fröhliche.» Das ist an Heiligabend das letzte Lied im Gottesdienst. Wenn das Licht ausgeht und dieses Lied ertönt, dann ist für mich die stille Nacht da.