Der verlorene Ausserrhoder Nationalratssitz

1848, bei der Gründung des heutigen modernen Bundesstaates, umfasste der Nationalrat («grosse Kammer») 111 Mitglieder. Pro 20 000 Kantonseinwohner gab es einen Sitz im Nationalrat; jedem Kanton und jedem Halbkanton stand mindestens ein Sitz zu.

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16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: Quelle)

16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratschreiber (Bild: Quelle)

1848, bei der Gründung des heutigen modernen Bundesstaates, umfasste der Nationalrat («grosse Kammer») 111 Mitglieder. Pro 20 000 Kantonseinwohner gab es einen Sitz im Nationalrat; jedem Kanton und jedem Halbkanton stand mindestens ein Sitz zu. Die Bevölkerung von Appenzell Ausserrhoden betrug im Jahre 1850 knapp 47 000, was 1,8 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte. Ausserrhoden stellte 32 Jahre lang – bis 1881 – zwei Nationalräte. Die ersten Ausserrhoder Parlamentarier in der «grossen Kammer» waren Johann Heinrich Heim von Gais von der «Seele der Bewegung» sowie Johann Jakob Sutter aus Bühler von der FDP.

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Das Bevölkerungswachstum führte zu einer kontinuierlichen Vergrösserung des Nationalrats. 1881 zählte er 145 Mitglieder. Ausserrhodens Bevölkerungszahl lag 1880 bei knapp 52 000, der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug unverändert 1,8 Prozent. Von 1881 bis 1931, also 50 Jahre lang, standen dem Kanton Appenzell Ausserrhoden immer drei Sitze im Nationalrat zu. Es waren stets Freisinnige und Liberale, die für Ausserrhoden im Nationalrat sassen; 1908 kam erstmals ein SP-Vertreter dazu. Nebst Arthur Eugster von Speicher, dem Gründer der Ausserrhoder FDP, wurde nämlich auch sein Bruder gewählt, Howard Eugster-Züst von Speicher, der legendäre Weberpfarrer. Dritter Ausserrhoder Nationalrat war Hermann Altherr (FDP) von Speicher.

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Von 1931 bis 1962 zählte der Nationalrat 187 Mitglieder. Der Anteil der Ausserrhoder Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung der Schweiz war gemäss Volkszählung von 1930 auf 1,2 Prozent gesunken. Die Bevölkerung betrug nur noch knapp 49 000 Personen. Ausserrhoden verlor einen Sitz und hatte fortan nur noch zwei Mandate im Nationalrat. Bei den Wahlen von 1931 wurde abermals Howard Eugster-Züst gewählt, der insgesamt 24 Jahre lang – von 1908 bis zu seinem Tode 1932 – Nationalrat gewesen war, sowie Gustav Altherr (FDP) von Speicher.

1962 wurde die Zahl der Nationalratsmitglieder auf 200 fixiert. Um die Mandatszahl zu halten, muss seither ein Kanton im gleichen Ausmass wie die Gesamtbevölkerung der Schweiz wachsen.

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Seit den eidgenössischen Wahlen von 2003 hat Appenzell Ausserrhoden nur noch einen Sitz im Nationalrat. Ausserrhodens Bevölkerung mit knapp 54 000 betrug nur noch 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Kantone Bern, Basel-Stadt und Ausserrhoden verloren je einen Sitz an Schwyz, Freiburg und die Waadt. Wäre der Kanton bei der Volkszählung 2000 um 1866 Einwohner oder 3,5 Prozent der Bevölkerung grösser gewesen, hätte er die zwei Mandate behalten können. So traten der bisherige Nationalrat Jakob Freund (SVP) und die neuen Kandidaten Marianne Kleiner (FDP) sowie Ivo Müller (SP) zur Ausmarchung um den einzigen Sitz an, den Marianne Kleiner mit knapp 500 Stimmen Vorsprung gewann.

Acht Jahre später, bei den Wahlen vor wenigen Wochen, ging es um die Nachfolge von Marianne Kleiner – und um den weiterhin einzigen Nationalratssitz von Ausserrhoden. Nach einem umstrittenen Wahlkampf obsiegte der FDP-Kandidat Andrea Caroni.

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Kürzlich hat der Ausserrhoder Regierungsrat sein Regierungsprogramm für 2012 bis 2015 publiziert. Zentrales Ziel dieses Programms ist – wie schon in früheren Programmen – «die gesunde und nachhaltige Zunahme der Bevölkerung».

Erst wenn Ausserrhoden wieder wächst, und zwar stärker als andere Kantone, besteht die Möglichkeit, einen Nationalratssitz zurückzugewinnen. Dies würde das Spektrum der parteipolitischen Repräsentativität der Ausserrhoder Deputation und sicher auch den Einfluss Ausserrhodens in Bern erhöhen. Davon allerdings steht im Regierungsprogramm nichts.